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Mittwoch 4. November 2009, 22:30 Uhr
Prügel für Albaner-Toni
Hamburg. Das Blut auf dem Asphalt ist weg, es hat viel geregnet
in den vergangenen Tagen. Die schmale weiße Tür
des „Hähnchenkellers“ liegt neun Stufen hinunter,
sie ist verriegelt. Der Wirt Franz Schubert will nichts gesehen
haben und auch nicht darüber sprechen. Im „Hähnchenkeller“
treffen sich „Künstler, Promis, Individualisten“,
sagt der Siebzigjährige. Öffnungszeiten normalerweise:
Mittwoch bis Samstag, 22 Uhr bis „open end“.
Es hat geknallt am vergangenen Wochenende in der Freien und
Hansestadt Hamburg. Eine Schlägerei am Sonntagmorgen
um 7.20 Uhr. Der Streit begann unten im Lokal. Die beiden
Kontrahenten gingen raus, hoch auf die Straße. Ein Messer,
vier Fäuste und ungezählte Fußtritte. Bis
einer blutend liegen blieb. Die Polizei spricht von einem
„unglücklichen Zusammentreffen“. Doch es
war nicht irgendjemand, der dort lag - das wissen sie, die
Polizei und auch der Wirt Schubert. Deshalb sind sie jetzt
so nervös und wortkarg.
„Albaner-Toni“, ein König vom Kiez
Das Opfer heißt Sadri L., besser bekannt als „Albaner-Toni“,
ein König vom Kiez. Jener Mann, der Mitte November das
größte Bordell Hamburgs eröffnen will, ein
Sechs-Millionen-Euro-Investment von sechs Rotlichtgrößen.
10.000 Quadratmeter mit Saunen, Pool und mehr als hundert
Frauen. Die Tageskarte soll siebzig Euro kosten, Snacks, Buffet,
Softdrinks, Sauna- und Poolbenutzung inklusive; Sex kostet
extra. Der Pate vom Straßenstrich an der Süderstraße
will etwas Seriöses machen. „Babylon“ ist
offiziell ein „Hotel- und Wellnesscenter mit bordellartigem
Betrieb“.
Jetzt liegt Sadri L. mit einer schweren Kopfverletzung und
Gehirnblutung im Universitätsklinikum Eppendorf. Sein
Kontrahent war nach der Schlägerei mit einer Handverletzung
im Krankenhaus erschienen, möglicherweise die Folge eines
Messerstichs. Nach der Erstversorgung schickte ihn der Arzt
in ein anderes Krankenhaus, dort warten sie heute noch auf
ihn.
Mittlerweile ist man vorsichtiger
Das Landeskriminalamt ermittelt - und meinte zunächst,
dass die Tat mit dem Milieu nichts zu tun habe. Ein Ermittler
der Abteilung „Organisierte Kriminalität“
sagte Anfang der Woche der „Hamburger Morgenpost“:
„Albaner-Toni hat 25 Jahre im bleihaltigen Hamburger
Milieu überlebt. Dass er nun beinahe bei einer simplen
Kneipen-Prügelei umkommt - das hat schon fast etwas Tragisches.“
Mittlerweile ist man vorsichtiger. Eine Sprecherin sagt den
Standardsatz „von jeglichen Richtungen“, in die
ermittelt werde, fügt aber hinzu: „Das gilt in
dem Fall besonders.“
Es sieht aus nach einem neuen Akt im Drama um „Albaner-Toni“.
Ein Drama um Prostitution und Schießereien, um Menschen,
die sich „Kölner Klaus“, „Türken-Musa“,
„Muffel“ T. oder „Bimbo“ nennen. Letzterer
ist offizieller Geschäftsführer des „Babylon“.
Der Einundsechzigjährige heißt eigentlich Manfred
N., den Spitznamen verdankt er angeblich seiner Schwäche
für dunkelhäutige Frauen.
„Ich wollte ihm eine Lektion erteilen“
„Albaner-Toni“ ist heute fünfzig Jahre alt.
Vor 25 Jahren stieg er ins Hamburger Milieu ein und später
zu einer Größe auf - als einer der ersten Ausländer
der Szene. 1990 schoss ihm Klaus K., genannt „Kölner
Klaus“, im Bordell „Sabrina“ mit einem Revolver
in den Bauch. „Ich wollte ihm eine Lektion erteilen“,
sagte Klaus K. vor Gericht. Sadri L. hatte ihn zuvor niedergeschlagen.
Klaus K. bekam zwei Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe.
Danach soll „Albaner-Toni“ einen hohen fünfstelligen
Betrag an Schmerzensgeld gezahlt haben, um seinen Geschäften
unbeschadet nachgehen zu können. Und während der
Rivale Klaus K. 1994 an Aids starb, wurde Sadri L. immer ehrgeiziger:
Er beteiligte sich am „Dollhouse“, an der „Großen
Freiheit“ und am „Laufhaus“ an der Reeperbahn.
Zudem beherrschte er in den neunziger Jahren den Straßenstrich
an der Süderstraße. Sadri L. war gefürchtet
für seine Skrupellosigkeit.
Doch die Geschäfte im Milieu laufen heute längst
nicht mehr so gut. Viele potentielle Kunden bleiben wegen
des Sex-Angebots im Internet zu Hause. In Hamburg schaffen
zurzeit rund 2400 Frauen in Laufhäusern, Clubs, an Straßenstrichs
und in den etwa 350 „Modellwohnungen“ an. Sie
machten 2008 einen Umsatz von rund 87 Millionen Euro. Vor
zehn Jahren lag die Zahl der Prostituierten und der Umsätze
noch doppelt so hoch. Es gibt Menschen, für die sind
das keine guten Nachrichten.
Die Dornenhecke wuchert über den Zaun
Sadri L. hat jetzt wieder investiert, in die Süderstraße,
dort, wo er immer der Chef war. Und wo Hamburg noch ein bisschen
grauer ist als sonst - neben Baustoffhandel, Reifendiensten,
Speditionen und TÜV Hanse. Die Straße endet in
einer kleinen Siedlung, kleine eckige Häuser, ein Mehrgenerationenhaus
mit Seniorentreff und Mutterfrühstück. Ans Schwarze
Brett hat der Stadtteilpolizist seine Durchwahl geschrieben.
Und am Ende der Sackgasse steht „Mandy's Nagelstudio“.
Ein paar hundert Meter entfernt soll das „Babylon“
eröffnen, Hausnummer 236. Der lachsfarbene, zweigeschossige
Gewerbehof sieht noch nicht so aus, als würde er bald
mehr als hundert Prostituierten Platz bieten. Die „VBH
Vereinigter Baubeschlag Handel Nord GmbH“ hat immer
noch nicht ihr Schild abmontiert, und auf der anderen Seite
des Hofs ist der „Segro Elektrofachgroßhandel“
verwaist. Die Dornenhecke wuchert über den Zaun. Drinnen
sollen die drei Saunen, zwei Massagesalons und der Pool bereits
startklar sein, die Zimmer eingerichtet im antiken Stil.
Die Investition ist ein Wagnis. Seit Jahren gibt es einen
Kampf um den kleiner werdenden Markt: Albaner, Türken
und die Rocker von den „Hells Angels“, die um
das Jahr 2000 den Kiez eroberten. „Albaner-Toni“
verbündete sich mit den „Hells Angels“. Doch
es bleibt ein Gegenspieler, der ihm das Geschäft streitig
machen will und vielleicht auch sein Leben.
Die haben kein Herz, kein Hirn und keine Eier
Musa A. hatte sich Mitte der neunziger Jahre mit großer
Brutalität im Rotlicht-Milieu einen Namen gemacht, hieß
fortan „Türken-Musa“. Seine Bande nannte
sich „Gangster GmbH“, wohl in Anlehnung an das
erste große Zuhälterkartell auf der Reeperbahn,
das vor mehr als dreißig Jahren bis zu 120 Zuhälter
kontrollierte. GMBH - dieses Kürzel stand damals für
Gerd, Mischa, Beatle und Harry.
In den Neunzigern verkaufte „Türken-Musa“
seine Bordellanteile an „Albaner-Toni“. Sie handelten
eine Gewinnbeteiligung aus. Musa A. kümmerte sich lieber
um Warenterminbetrug. Dafür wurde er verhaftet und 2003
in die Türkei abgeschoben. Als er vor zwei Jahren für
eine Operation wiederkam, verlangte er sein Geld. „Ich
will 1,5 Millionen von diesen Ziegenhirten. Die haben kein
Herz, kein Hirn und keine Eier. Ihre Zeit ist abgelaufen“,
sagte er damals. Doch Sadri L. hatte in der Zeit längst
die Macht übernommen und wurde immer selbstbewusster.
So heiratete er 2005 in den berüchtigten Osmani-Clan
ein. Die Hochzeitsgesellschaft hatte immerhin den Ballsaal
des „Hotel Atlantic“ gemietet.
Es folgten mehrere Schießereien, unter anderem mit
Maschinengewehren an der Tankstelle an der Süderstraße.
Zuletzt schoss ein Unbekannter auf einen Türsteher, der
von Musas Lager zu Sadri L. gewechselt sein soll.
Die Betreiber denken schon an Expansion
Musa A. sitzt seit Sommer dieses Jahres wieder im Gefängnis,
verurteilt zu zwei Jahren wegen Menschenhandels und Verstoßes
gegen das Waffengesetz. Doch Ruhe ist noch lange nicht in
Sicht. Noch weiß niemand, ob die Schlägerei vom
Wochenende der Anfang vom Ende war, der Beginn eines neuen
Kriegs. Oder ob der Täter gar nicht wusste, wen er da
niederschlug. Der „Hähnchenkeller“ ist bei
der Polizei „schon lange nicht mehr auffällig“
gewesen. 2001 noch nahm die Polizei den damaligen Wirt fest,
weil er die Gäste in rauhen Mengen mit Kokain versorgt
haben soll.
Manfred N., Rufname „Bimbo“, hat jedenfalls der
„Hamburger Morgenpost“ gesagt, dass man das „Babylon“
Mitte November eröffnen werde - „definitiv“.
Die Betreiber denken schon an Expansion. Im kommenden Jahr
wollen sie nebenan ein Fitness- und Beautystudio eröffnen,
wo jetzt noch die drei Rolltore der Firma „Segro“
heruntergelassen sind und eine schmutzige weiße Fahne
weht. Fürs Erste herrscht gespenstische Ruhe im Milieu.
Im Nordosten Hamburgs, am Bruno-Georges-Platz, ermittelt die
Polizei. Im Südosten an der Süderstraße steht
eine einzige Prostituierte am Bordstein. Mit Regenschirm und
Minirock wartet sie auf Autofahrer und Trucker und fürchtet
die neue Konkurrenz in ihrem Rücken. Und im schicken
Pöseldorf an der Außenalster möchte Franz
Schubert in seinem „Hähnchenkeller“ seine
Ruhe. Im Internet schreibt ein Gast, der mit „seinen
Mädels“ nach einer Party dort „gerne bis
in die Morgenstunden“ feiert: „Franz ist wie ein
Papa, der uns sofort beschützt, wenn jemand mal zu zudringlich
wird!“
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(Quelle: faz.net)
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