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Dienstag 28. April 2009, 09:55 Uhr
Berliner Flughafenkiez in der
Hand des Rotlichtmilieus
In den Gaststätten werden zum Bier diskret junge Frauen
vermittelt, in Privatwohnungen Bordelle geführt, auf
der Straße Drogen gehandelt: Der Flughafenkiez in Berlin-Neukölln
hat ein Problem. Finden die Anwohner - und nicht nur sie.
Die CDU fordert nun, Wohnungsbordelle aufzuspüren und
zu verbieten.
Sechs Mal hat er es versucht, sechs Mal hat es geklappt.
Immer auf dieselbe Tour, die etwa so abgelaufen ist: Manfred
Meyer betritt ein Lokal im Neuköllner Flughafenkiez und
bestellt ein Bier.
"Sonst noch was?" will der Wirt wissen, und der
Kunde fragt, was an Frauen zu haben sei. Es folgen Angebote,
Preisverhandlungen. Doch ein Geschäft kommt nicht zustande.
Entweder klingelt auf einmal Meyers Handy und er muss leider
unverrichteter Dinge aufbrechen. Oder er hat sein Geld vergessen.
Manfred Meyer heißt in Wahrheit anders, denn er war
als Lockvogel unterwegs - er sollte den Beweis liefern: Hinter
den halb heruntergelassenen Jalousien der Kneipen und Bars
rund um Mainzer und Biebricher Straße verbergen sich
Anbahnungslokale.
Der Flughafenkiez, kritisieren die Anwohner, sei längst
in der Hand von Zuhältern, Prostituierten, Dealern und
Schutzgelderpressern. Ihnen reicht es. Aus der Anwohnerinitiative
ist der Verein "Zukunft Neukölln" hervorgegangen.
Bereits vor anderthalb Jahren hatten sie in einem Brandbrief
an Senat und Bezirk auf die Situation vor Ort aufmerksam machen
wollen: Der Flughafenkiez sei auf dem Weg, ein Rotlichtbezirk
zu werden, das Viertel fest im Würgegriff polnischer,
türkischer, deutscher, albanischer und arabischer Zuhälter,
die äußerst brutal agieren. Von "brüllenden
Kerlen, schreienden Frauen, überlauter Musik, zerschellenden
Flaschen und Gläsern, knallenden Autotüren, quietschenden
Reifen, Hupkonzerten" ist die Rede sowie von einem Dutzend
bordellartigen Etablissements neben 20 legalen Bordellen in
der Gegend.
"Es folgten ein paar Razzien", sagt der Vereinsvorsitzende
Norbert Kröcher. Vier Etablissements hätten schließen
müssen. Doch kaum ist eins geschlossen, werde es unter
anderem Namen neu eröffnet. Das Problem sei nicht gelöst.
Polizei führt Razzien durch
Der Polizei ist bekannt, dass es sich bei einigen Gaststätten
im Flughafenkiez um Kontaktzentralen handelt, in denen Freier
Prostituierte "bestellen" können. Die Tipps
dazu erhielten sie aus der Nachbarschaft. Seit geraumer Zeit
ist die Polizei daher in der Gegend verstärkt im Einsatz
ist, in Zivil und Uniform. Es werden Personalien von Verdächtigen
überprüft, ab und an gibt es eine Razzia. Mehrere
Straftaten konnten bislang nachgewiesen werden, sagt Thomas
Goldack, Leiter der Polizei-Pressestelle. Es wurden drei minderjährige
Prostituierte aufgegriffen, eine Bulgarin und zwei Estinnen.
2008 wurde ein Anbahnungslokal dauerhaft geschlossen, ein
weiteres 2009 zeitweilig. Trotz einiger Wohnungsbordelle,
so die Polizei, zähle der Bereich Flughafenstraße,
Biebricher Straße und Hermannstraße nicht zu einem
Schwerpunkt der Wohnungsprostitution. Der permanente Druck
auf die Szene mache sich bezahlt: Einzelne Inhaber der Anbahnungslokale
ließen mittlerweile eine "zunehmende Kooperationsbereitschaft"
erkennen, so Polizeisprecher Goldack.
Auf den ersten Blick ist der Kiez ein Schwerpunkt der Trödelläden.
Entlang der Flughafenstraße haben die Händler am
Vormittag gebrauchten Hausrat, Möbel, Bücher vor
ihren Geschäften aufgebaut. Sie sitzen daneben, lassen
sich von der Sonne bescheinen, plaudern quer über die
Straße.
Norbert Kröcher versucht bei einem Rundgang durch den
Kiez, unauffällig zu bleiben. Er deutet auf die Lokale,
ohne mit dem Finger auf sie zu zeigen oder in die Richtung
zu gucken. Er weiß: Sie haben bereits geöffnet,
die Damen sind in Bereitschaft. Es ist 13 Uhr. Die ersten
Kinder kommen aus der Schule.
"Kein Wunder, dass die Kinder auf die schiefe Bahn
geraten, bei diesen negativen Vorbildern auf der Straße",
schimpft Nader Khalil, Nord-Neuköllner und Bezirksverordneter
der CDU. Die Kinder würden hautnah mitbekommen, wie Bündel
von Geldscheinen in Sekundenschnelle auf der Straße
den Besitzer wechselten. Kein Milieu, um gut aufzuwachsen.
Die Bezirksverordneten der CDU-Fraktion in Neukölln
wollen den Zustand nicht länger dulden. Man habe nichts
gegen Bordelle in Gewerbegebieten, sagt Fraktionschef Falko
Liecke. Aber in Wohngebieten mit Familien und Kindern hätten
sie nichts zu suchen. "Die Wohnungsbordelle müssen
aufgespürt und verboten werden", fordert er. Um
der Sache Nachdruck zu verleihen, hat die Fraktion einen Antrag
eingebracht, in dem sie das Bezirksamt auffordert, restriktiv
zu handeln.
Charlottenburg-Wilmersdorf gibt sich kompromisslos
Ihr Vorbild im Kampf gegen das Rotlichtmilieu ist der Bezirk
Charlottenburg-Wilmersdorf. Dessen Baustadtrat Klaus-Dieter
Gröhler (CDU) nennt sich selbst "kompromisslos",
wenn es um Wohnungsbordelle geht. "Ein Bordell hat in
einem Wohnhaus nichts zu suchen", sagt Gröhler.
Sobald sich Anwohner beschwerten, gehe sein Amt diesen Beschwerden
nach. Kann er den Beweis erbringen - zur Not auch mithilfe
der Polizei -, dass es sich wirklich um ein Wohnungsbordell
handelt, geht eine Nutzungsuntersagung an den Betreiber heraus.
Mehr als eine Handvoll dieser Etablissements hat Gröhler
in jüngster Vergangenheit auf diese Art und Weise schließen
lassen. Er hat die Bauordnung hinter sich. Diese besagt, dass
bordellartige Betriebe in Wohngebieten bei begründeten
Hinweisen auf Störung der Nachbarschaft verboten werden
müssen.
Davon lässt sich Neuköllns Baustadtrat Thomas
Blesing (SPD) nicht beeindrucken. "Die Prostitution ist
auf dem Wege der Legalität", sagt Blesing. Und er
werde das Gewerbe nicht wieder in die Schmuddelecke zurückdrängen.
Der Baustadtrat beruft sich auf das Gesetz zur Regelung der
Rechtsverhältnisse der Prostituierten - kurz auch Prostitutionsgesetz
genannt - vom Dezember 2001. Mit dem Gesetz wurde die Prostitution
aus der Grauzone herausgelöst und legalisiert. Blesing
bezeichnet das Gewerbe daher auch als ganz normalen Wirtschaftszweig:
"Frauen verdienen damit ihr Geld und ernähren davon
die Familie."
Natürlich ist Blesing auch die Bauordnung bekannt.
Sollte jemand die Unverträglichkeit des Gewerbes in einem
Wohnhaus anzeigen, werde er der Beschwerde nachgehen, sagt
er. "Doch im vergangenem halben Jahr hat es keine Beschwerde
zum Thema Bordellbetrieb Flughafenstraße gegeben",
versicherte der Baustadtrat jüngst im Wirtschaftsausschuss
des Bezirks. Keine Beschwerden, kein Handlungszwang.
Andreas Marquardt kennt die Szene. Der Betreiber des Sportstudios
Gym 80 an der Karl-Marx-Straße galt einst als der brutalste
und gefährlichste Zuhälter der Stadt. Über
seinen Ausstieg hat er ein Buch geschrieben ("Härte
- Mein Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt", Ullstein
Taschenbuch), heute engagiert er sich in mehreren Charity-Projekten.
Marquardt versteht die Aufregung im Flughafenkiez nicht. Klar
weiß er, wie es in den Hinterzimmern von Lokalen und
umfunktionierten privaten Wohnungen zugeht. Wie dem Gast die
Damen einzeln vorgestellt werden und er dann seine Wahl treffen
kann. Wie Preise und alles andere verhandelt werden. "Es
ist ein ganz normales Geschäft", sagt Marquardt.
Seiner Ansicht nach gibt es andere Bezirke, wo es mehr Wohnungsbordelle
gebe. "Gehen Sie doch mal nach Steglitz in die Albrechtstraße
oder zum Savignyplatz in Charlottenburg", sagt er und
fügt noch einmal hinzu: "So schlimm ist es hier
im Flughafenkiez nicht."
Auch Drogen und Jugendgewalt breiten sich aus
Ganz so einfach ist die Sache nicht. Nicht umsonst gibt
es seit Oktober 2005 ein Quartiermanagement im Kiez. Büroleiter
Thomas Helfen weiß von dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen
Bar-Betreibern und der Polizei. Die Situation habe sich nicht
entschärft, sagt Helfen. Er habe eher das Gefühl,
dass sich die Prostitution immer mehr ausbreite und auf die
anliegenden Straßen übergreife.
Und nicht nur die. Auch die Drogenszene und die Jugendgewalt.
Daher nütze es auch nichts, die Probleme totzuschweigen.
"Eine Lösung ist aber noch nicht in Sicht",
sagt der Kiez-Experte. Immerhin sollen die Eigentümer
der Häuser verstärkt angeschrieben werden, "um
sie in die Pflicht für ihren Stadtteil zu nehmen."
Für Norbert Kröcher ist der Flughafenkiez längst
nicht mehr mit Gesetzen und Paragrafen zu retten. Für
ihn gibt es für das Problem nur noch eine politische
Lösung. Daher ist jetzt eine Einwohnerversammlung mit
Unterstützung der Bezirksverordneten-Versammlung in Planung.
"Es ist blauäugig, sich den Fakten zu verschließen",
sagt Kröcher.
zurück
(Quelle: morgenpost.de)
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