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Freitag 17. April 2009, 09:13 Uhr
Die Not im Rotlichtviertel
Eine Finanzkrise der besonderen Art: Auch in Hamburg bleiben
die Freier aus, obwohl die Preise fallen.
Frische Hähnchenschenkel sind bei Lidl auf der Hamburger
Reeperbahn im Sonderangebot, 13 Prozent billiger als sonst.
Im ungeputzten Fenster eines Irish Pub hängt die schlichte
Verlockung: "Ampelsaufen für drei Euro", vermutlich
auch das ein Schnäppchen. Im eigentlichen Kerngeschäft
der Reeperbahn sucht man länger nach Sonderpreisen. Die
Schaufenster von Laufhäusern, Bordellen und Strip-Bars
werben mit klimatisierten Zimmern und prallen Dekolletees.
Erst am östlichen Ende der Rotlichtmeile lockt ein Sexshop
mit Preisnachlass: "Geile Zeiten! 50 Prozent mehr Laufzeit
auf alle Münzen und Scheine!"
Die Wirtschaftskrise ist in der Rotlichtbranche angekommen.
Und das nicht nur in Hamburg. In Frankfurt musste eines der
ältesten Bordelle der Stadt schließen. In Amsterdam
geht es gleich um mehrere Häuser, denen "die Rezession
den Todesstoß" zu verpassen droht, wie die dortigen
Vereinigten Entspannungsbetriebe befürchten. Der Kölner
Porno-Produzent Bernd Schütt spricht für die ganze
Sex-Branche von "einer beschissenen Marktlage".
Im Puff herrscht anscheinend Ausverkauf. Viele Betreiber
versuchen, dem Umsatzeinbruch mit Specials zu begegnen. "Das
ist nicht neu, nimmt aber zu", sagt Stephanie Klee vom
Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen in Berlin, selbst
Prostituierte.
Eine Flatrate im Bordell bedeutet: einmal zahlen, mehrmals
kommen. Bei "Zwei für eins" darf der Freier
seine Frau mitbringen, Schnittchen inklusive. Ähnlich
wie Banken und Autobauer haben auch Pornofilmer und Erotik-Händler
um staatliche Unterstützung gebeten, und das war nicht
nur scherzhaft gemeint. Hoffnung auf Hilfe hat die Branche
nicht: Für die Kanzlerin mache sich im Wahljahr ein Engagement
bei Opel sicher besser.
Mit der Krise der Weltwirtschaft haben die Probleme im Rotlicht
ohnehin nur begrenzt zu tun. Die Porno-Produzenten stöhnen
seit Jahren über einen sich auflösenden Markt, aber
das hat vor allem mit Raubkopien und der Verbreitung kostenloser
Pornos übers Internet zu tun. Die Finanzkrise komme nur
obendrauf, sagt Porno-Produzent Schütt: "Der Markt
ist sowieso tot." Ähnliches gilt auch für die
Prostitution: "Wenn eine Studentin heute für 20
Euro eine Nummer schiebt, volles Programm, ist das der absolute
Preisverfall."
An diesem Punkt stand Anke Christiansen, 53 und selbst lange
Prostituierte, schon vor Jahren. 2003 hat sie mit zwei Freundinnen,
alle aus dem Gewerbe, in Hamburg das "Geizhaus"
gegründet - eines der ersten Discount-Bordelle der Republik
("Geiz macht geil"). 38,50 Euro kostet die halbe
Stunde mit einem der 35 Mädchen, die in dem weißen
Häuschen im Bezirk Wandsbek arbeiten. Am Tisch in der
Küche sitzt die blondgelockte Angie im roten Bademantel
und mit dicken Socken an den Füßen. "Freier,
die jeden Tag da waren, kommen jetzt wesentlich seltener",
sagt sie. "Oder eher gar nicht."
Angie muss im Geizhaus kein Geld in die Hand nehmen. Am Empfang
äußert der Mann seine Wünsche und kauft einen
Geizhaus-Dollar. Will er mehr als das Grundprogramm, muss
er den Einsatz auf 77 Euro verdoppeln. Aber das macht kaum
einer. Angies Kollegin Jill weist oft Freier ab, die auf dem
Zimmer versuchen, mit den Mädchen zu dealen: "Ich
geb' dir noch 'nen Zehner für. . .". Auch am Empfang
des frauengeführten Hauses, wo Anke Christiansen in schwarzer
Hose und cremefarbener Strickjacke steht, wird gefeilscht.
"Bei uns gibt's keinen Nachlass", sagt sie. Höchstens
mal eine Werbeaktion, wie sie das nennt: An Halloween durfte
jedermann umsonst ran, der sich im Kostüm händchenhaltend
mit anderen Freiern anstellte. In drei Monaten zieht das Geizhaus
um. Mehr Fläche, mehr Parkplätze. Das ist das, was
Anke Christiansen der Krise entgegenhält.
Lustlos bemüht sich dagegen der Chef eines großen
Laufhauses an der Reeperbahn um Erklärungen zur Rotlichtkrise.
"Die Touristen bleiben aus", sagt er. Vielleicht
fehlen der Reeperbahn tatsächlich die zielgerichteten
Sex-Besucher. Aber die Übernachtungszahlen in Hamburg
steigen, verkündet der Tourismus-Beauftragte stolz. Von
St. Pauli spricht er gern als Ausgehviertel für junge
Gutverdiener. Zur Flaute des horizontalen Gewerbes trägt
sicher auch bei, dass sich der Stadtteil gewollt und Stück
um Stück vom großen Puff zum hippen Kult-Viertel
wandelt.
Im Umbruch der Branche scheint es auch Gewinner zu geben.
Der Flensburger Erotik-Großhandel Beate Uhse meldet
als Ergebnis für 2008: 253 Millionen Euro Umsatz und
einen Vorsteuergewinn von 3,1 Millionen. 2009 will der Konzern
die Zahlen allen Ernstes verdoppeln. Uhse-Mitbewerber Orion,
nach eigenen Angaben mit 151 Shops Marktführer, hat "zu
kämpfen, sicher", sagt Marketingleiter Jens Seipp.
Er betrachtet sein Geschäft aber als "klare Zukunftsbranche".
Allerdings abseits der Rotlichtviertel: "Unsere Fachgeschäfte
befinden sich in guten Lagen. Wir sind rausgegangen aus der
verschwitzten und verschmierten Ecke." Es gebe keine
Videokabinen, sagt Seipp, sondern "sex toys".
Wer sich Sex nicht mehr kaufen kann, holt ihn sich wieder
zu Hause, mutmaßt der Porno-Produzent Bernd Schütt.
In einer Hamburger Revue-Bar hängt im Schaufenster die
E-Mail eines Besuchers: "Vielen Dank für die tollen
Anregungen. Meine Frau und ich hatten anschließend viel
Spaß im Hotelzimmer."
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(Quelle: sueddeutsche.de)
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