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Mittwoch 29. Oktober 2008, 22:10 Uhr
Prostitution in Straßburg
EU-Abgeordnete streiten um Rotlichtring
Eigentlich arbeiten sie in Brüssel, aber einmal im Monat
fallen die knapp 800 Abgeordneten des EU-Parlaments und ihre
Mitarbeiter ins beschauliche Straßburg ein. Es sind
die Tage, in denen die Prostitution boomt. Nun fordern einige
Abgeordnete, dass Parlamentspräsident Pöttering
handelt.
Der Brief liegt vor, sein Inhalt ist anstößig
und so wie es aussieht, wird er noch für viel Ärger
sorgen im Europäischen Parlament. 37 Abgeordnete aus
Skandinavien verlangen vom Präsidenten, etwas gegen die
Förderung der Prostitution durch europäische Volksvertreter
zu tun. Demnach sollten sich EU-Abgeordnete nur noch in Hotels
einquartieren, die Prostituierten keinen Zugang gewähren.
"Wir wollen saubere Hotels"
Es gehe gar nicht darum, ob man Prostitution nun verbieten
oder legalisieren solle, meint die dänische Abgeordnete
Karin Riis Jörgensen, die den Brief mit initiierte. "Es
geht uns darum, dass wir während der Straßburger
Parlamentswoche nicht in Hotels wohnen wollen, wo Prostituierte
sind." Wenn einige der Kollegen eine Party mit einer
Prostituierten feiern wollten, sollen sie sonst wo hin gehen,
so Jörgensen. "Aber nicht dahin, wo wir untergebracht
sind. Wir wollen einfach saubere Hotels."
Die Reaktion auf diese Forderung war bislang aber eher verhalten
im Europäischen Parlament. Der christlich soziale EU-Abgeordnete
Manfred Ferber aus Bayern meint: "Zunächst war ich
überrascht, dass es einen solchen Brief gibt. Ich bin
seit über elf Jahren im gleichen Hotel und habe bislang
noch nichts beobachtet." Wie Ferber fürchten jetzt
viele der fast 800 Parlamentarier, der Brief trage nicht dazu
bei, Prostitution zu bekämpfen - er beschädige vielmehr
das Ansehen des Europäischen Parlaments und seiner Vertreter.
Metropole für käuflichen Sex
Die Sorge um die politische Reputation ändert allerdings
nichts an den Fakten: Das beschauliche europäische Straßburg
ist tatsächlich eine Metropole für käuflichen
Sex. Und die Parlamentswoche bringt Kundschaft: Beamte, Journalisten,
Politiker.
"Das passiert mir immer wieder", sagt Jana aus
Tschechien. Sie werde dann ins Hotel gebracht, wo der Kunde
auf sie warte. Meistens bezahle er gut. Und alles sei sehr
diskret, nicht wie auf dem Parkplatz. Ein Rezeptionist beim
Europäischen Parlament habe ihr auch schon angeboten,
Kundschaft zu besorgen. Sehr diskret, gut bezahlt.
Fest in der Hand der Mafia
Route du Rhin, Boulvard de Nancy, Quai Pasteur, Avenue des
Voges – rund ums historische Fachwerkzentrum legt sich
ein Rotlichtring, den die osteuropäische Zuhältermafia
im Rotationsverfahren beliefert. Zurzeit sind Zwangsprostituierte
aus Rumänien, Bulgarien und Tschechien auf dem Strich.
Manchmal kommen 500 Euro zusammen in einer Nacht, sagt Jana,
aber fast alles muss sie dem Zuhälter geben. Für
sie bleibt gerade genug, um Hotel, Essen, Kleider zu zahlen.
Jana ist 29 Jahre alt und Mutter von drei kleinen Kindern.
Früher war sie Angestellte in einer Instrumentenfabrik
und baute Gitarren, Cellos und Violinen. Dann versprach ihr
der Mann ihrer Cousine eine Reise nach Straßburg: "Er
hat gesagt, das sei das Paradies, ich könne viel Geld
als Kellnerin oder Zimmermädchen verdienen. Es sei wunderbar",
sagt Jana. Sie sei Nachmittags um vier Uhr in Straßburg
angekommen. "Und am Abend schickten sie mich schon auf
den Strich."
"Bin gespannt, was Herr Pöttering von der CDU dazu
sagt"
Drogen und Druck und die Drohung, der Familie zuhause Gewalt
anzutun – das macht die Frauen gefügig. Die Europäische
Union hat sich bislang nicht darauf einigen können, ob
es besser ist, solche Fälle als Prostitution oder als
Zwangsprostitution zu definieren. Ob es sinnvoller ist, käuflichen
Sex wie in Dänemark zu verbieten, wie in Frankreich zu
beschränken oder wie in Deutschland zu legalisieren.
Jedes Mitgliedsland hat sein eigenes Verhältnis zum Rotlichtmilieu,
was den EU-weiten Kampf gegen Menschenhandel erschwert.
Derweil fühlen sich die Abgeordneten des EU-Parlaments
in ihrem Ansehen beschädigt, wenn ihre Kollegin Jörgensen
öffentlich darüber redet. Da könne sie nur
lachen, sagt sie, es gehe hier doch nicht um Reputation. "Ich
bin sehr gespannt, wie Parlamenspräsident Pöttering
reagieren wird, er ist schließlich von der CDU und sieht
unsere Initiative sicher positiv", so Jörgensen.
Parlaments-Präsidium unter Druck
"Ich bin ja gezwungen, mich damit zu beschäftigen,
weil es diesen Brief gibt. Der Brief hat viel Wirbel ausgelöst.
Das Präsidium des Europäischen Parlaments hat gebeten,
dass der Ältestenrat sich mit der Frage befasst. Wir
sollten das mit der nötigen Ernsthaftigkeit untersuchen,
aber auch jede Form der übertriebenen Darstellung vermeiden",
sagt der Präsident des Europäischen Parlaments und
macht ein Gesicht, als habe er gerade in ein faules Stück
Obst beißen müssen.
Am 15. Oktober veröffentlichte die Europäische
Kommission in Zusammenarbeit mit dem EU-Parlament eine umfangreiche
Studie zu Zwangsprostitution und Menschenhandel in der EU.
Sie kommt zu dem Schluss, dass es notwendig sei, einerseits
gemeinsame neue Strategien zu diskutieren, andererseits auf
nationale Ebene für deren Anwendung zu sorgen. Jana,
die Frau aus Tschechien, die in Straßburg verkauft wird,
dürfte nicht allzu viel davon haben. Sie wolle so gerne
damit aufhören, so könne man nicht weiterleben.
"Ich will endlich wieder wie ein normaler Menschen auf
die Straße gehen. Aber es gibt eben viele, die von mir
profitieren."
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(Quelle: tagesschau.de)
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