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Donnerstag 5. Juni 2008, 11:13 Uhr
Milliardengeschäft mit Sexsklavinnen
boomt
In Europa werden Hunderttausende Afrikanerinnen zur Prostitution
gezwungen. Sie flüchten vor Kriegen und Armut, um in Europa
ein besseres Leben anzufangen. In Deutschland, Italien oder Österreich
angekommen, erwartet sie meist eine bittere Realität: Um Schulden
abzuzahlen bleibt nur der Weg ins Bordell.
Armut, Korruption, ethnische Konflikte – das ist der Alltag
von zahllosen Menschen in Nigeria. Tausende sehnen sich nach einer
besseren Welt. Dafür gehen immer mehr junge nigerianische Frauen
Abkommen mit Menschenhändlern ein, die sie eigentlich nicht
einhalten können. 30000 bis 50000 Euro verlangen die Schlepper
für illegale Einreisen. Für gefälschte Pässe
und Visa, für arrangierte Scheinehen. Sie können später
bezahlen, sagen sie den Frauen. Wenn sie in Österreich sind,
in Italien oder Deutschland. In den Ländern, in denen das Geld
auf der Straße liegt. Doch wenn die Frauen das Land ihrer
Sehnsucht erreicht haben, wird ihnen bald klar, dass sie die Schulden
nicht mit Kellnerjobs oder aus der Schatulle des vermeintlichen
Ehemanns begleichen, sondern mit Prostitution. Wie die beiden österreichischen
Journalistinnen Mary Kreutzer und Corinna Milborn in ihrem aktuellen
Buch „Ware Frau“ (Ecowin Verlag 2008, 19,95 Euro) schreiben,
müssen in Europa Hunderttausende Frauen ihren Körper verkaufen.
Der Menschenhandel nimmt zu
Rund 10.000 Frauen sollen es in Deutschland sein. Kein Verbrechen
soll laut Europol höhere Zuwachsraten haben. Die UN schätzen
die Zahl der Sexsklavinnen in Europa auf 500.000. Es ist ein Milliardengeschäft.
Viele Frauen kommen aus Osteuropa und dem Balkan. Ein großer
Teil von ihnen kommt aus Nigeria.
Und auch die Menschen, die sie in Europa ausbeuten, kommen aus
dem afrikanischen Staat: Es sind Frauen, meist selbst zur Prostitution
gezwungen, die jetzt als „Madames“ die jungen Körper
an den Mann bringen. Opfer, die zu Tätern werden. In Mannheim
steht derzeit eine solche „Madame“ vor dem Landgericht.
Menschenhandel, Erpressung und Zuhälterei wirft die Staatsanwaltschaft
der 35-jährigen Nigerianerin vor. Gemeinsam mit ihrem neun
Jahre älteren Bruder soll sie Frauen aus Nigeria in die Bundesrepublik
gebracht haben. Das „Reisegeld“ betrug zwischen 30.000
und 50.000 Euro, bezahlt wurde mit käuflichem Sex.
Dass die Betroffenen keine Fluchtversuche machten, hatte offenbar
nicht nur mit der Androhung körperlicher Gewalt zu tun, sondern
auch mit einem extremen psychischen Druck: Sie haben keine legalen
Papiere, sprechen nicht die Sprache. Sie sind allein, ohne Freunde
und Familie. Die größte Angst aber ist wohl die vor bösen
Geistern. Wie die Autorinnen der neuen Abhandlung über Zwangsprostitution
schreiben, werden die jungen Frauen vor ihrer Abreise in Nigeria
von einem Juju-Priester in einer Voodoo-Zeremonie unter dem Einsatz
von Drogen derart unter Druck gesetzt, dass sie schwören müssen,
ihre Schleuser niemals der Polizei zu verraten – und das Geld
zu zahlen.
Auf welche Weise auch immer. Andernfalls drohe Schlimmes. Krankheit,
Drogensucht und Wahnsinn. Auch die jungen Frauen, die in der Gewalt
der in Mannheim Angeklagten waren, wurden offenbar einer solchen
Zeremonie unterzogen. Die Angeklagte weist alle Vorwürfe zurück
und tritt mit Kreuz und Rosenkranz vor dem Richter auf.
Hinweise kommen oft von den Freiern
Die große Koalition will Freier von Zwangsprostituierten
stärker bestrafen. Bis zu zehn Jahre Haft könnten ihnen
drohen. Doch die Pläne des Bundesjustizministeriums sind umstritten.
Schließlich, so die Kritiker, könnte der Kunde nicht
immer wissen, ob er an eine normale oder eine Zwangsprostituierte
geraten ist. Zudem werde es kaum noch Freier geben, die die Polizei
über Frauen informieren, die offenbar gegen ihren Willen in
einem Bordell festgehalten werden. Die deutlichere Legalisierung
des horizontalen Gewerbes wäre dagegen der sinnvollere Weg.
Tatsächlich sind es immer wieder Bordellbesucher, die auf
Zwangsprostituierte aufmerksam machen. Die Aussage eines deutschen
Freiers, dass sich eine junge Polin in einem Etablissement in Brandenburg
nicht freiwillig aufhalte, hatte kürzlich zu ihrer Befreiung
geführt. Auch in dem vor dem Mannheimer Landgericht verhandelten
Fall hatte ein Freier der Polizei von einer nigerianischen Frau
berichtet, die bei seinen Annäherungsversuchen in Tränen
ausgebrochen sei.
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(Quelle: welt.de)
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