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Mittwoch 3. September 2008, 12:46 Uhr
Die Mafia lizenziert ihr Geschäftsmodell
03. September 2008 Die Weltwirtschaft lahmt, doch eine Branche
boomt wie noch nie: das organisierte Verbrechen. Ob Russenmafia,
chinesische Triaden oder kolumbianische Drogenbarone - in
der grenzenlosen Welt der Globalisierung boomen ihre Geschäfte.
Bis zu 20 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts stammen
heute aus kriminellen Aktivitäten, schätzen die
Weltbank und der Internationale Währungsfonds. Diese
Verbrecher sind nicht nur Räuber und Mörder, sondern
„auch gute Kapitalisten und Unternehmer“, sagt
der britische Experte Misha Glenny, dessen Buch über
den Siegeszug des organisierten Verbrechens an diesem Mittwoch
in die Buchhandlungen kommt. „Sie suchten sich ihre
Partner und Märkte auf allen Kontinenten und waren in
jeder Hinsicht ebenso kosmopolitisch wie Shell, Nike und McDonald's.“
Organisierte Kriminelle oder gewöhnliche Gauner?
Was unterscheidet organisierte Kriminalität von den
Verbrechen gewöhnlicher Gauner? In Deutschland ist das
seit 1992 sogar gesetzlich klar definiert: „Unter organisierter
Kriminalität ist eine von Gewinnstreben bestimmte planmäßige
Begehung von Straftaten durch mehrere Beteiligte zu verstehen“,
heißt es. Die Verbrecher müssen „auf längere
und unbestimmte Zeit arbeitsteilig“ zusammenarbeiten.
Sie müssen geschäftsähnliche Strukturen haben,
Gewalt anwenden und versuchen, „auf Politik, Medien,
Justiz oder Wirtschaft Einfluss zu nehmen“.
Dabei kann organisierte Kriminalität positive Folgen
haben. Als Anfang der 90er Jahre in Russland und früheren
Sowjetrepubliken die staatliche Ordnung zusammenbrach, suchte
die neue Klasse der Geschäftsleute schnell Schutz bei
der russischen Mafia. Glenny zitiert einen Geschäftsmann
aus Omsk mit den Worten: „Wir sind bereit, mit Schutzgeldern
zu arbeiten, denn das kostet uns nur zehn Prozent.“
Der Staat verlangte mehr, konnte aber - anders als die straff
organisierten Verbrecherbanden - nicht garantieren, dass die
Unternehmen ihre Geschäfte ungestört fortsetzen
können. Ohne die Mafia hätte sich die russische
Variante der Marktwirtschaft so schnell nicht durchgesetzt.
Neue Geschäftsmodelle aus Russland
Dabei haben russische Verbrechergruppen gegenüber Organisationen
wie der Mafia oder der Cosa Nostra einen entscheidenden Vorteil.
Während in der italienischen Mafia Familienbanden eine
starke Rolle spielen, wird die russische Mafia nur vom gemeinsamen
Geschäftsinteresse zusammengehalten. Das lässt sie
ganz neue Geschäftsmodelle entwickeln: Die tschetschenische
Mafia zum Beispiel wurde in Russland wegen ihrer Gewalt schnell
zu einem Markennamen. Ihre Bosse nutzen das aus, um ein riesiges
Franchiseunternehmen aufzubauen - McMafia orientierte sich
an großen Vorbildern wie McDonald's. „Sie verkauften
den Namen ,tschetschenisch' an Schutzgeldkartelle in anderen
Städten“, berichtet Glenny. Die zahlten dafür
und mussten zudem zusichern, bei Widerstand ebenso brutal
aufzutreten wie das Original.
Ob Drogenhandel, Waffenschiebereien oder Frauenhandel - überall
arbeiten organisierte kriminelle Banden arbeitsteilig in einer
genau ausgearbeiteten Infrastruktur zusammen. Glenny zeigt
das am Beispiel einer jungen Frau aus Moldau, Ludmilla, die
zur Prostitution an ein Bordell in Israel verkauft wurde.
„Als sie in Tel Aviv ankam, war sie durch die Hände
von Moldauern, Russen, Ägyptern, Beduinen, russischen
Juden und einheimischen Israelis gegangen“, schreibt
er. Jeder verdiente an diesem Geschäft, nur Ludmilla
nicht. Und ihr Albtraum hatte mit dem Transport erst begonnen.
Beliebtes Deutschland
Deutschland ist wegen seiner offenen Grenzen beim organisierten
Verbrechen besonders beliebt. Die Fahnder des Bundeskriminalamtes
klärten 2007 Fälle organisierter Kriminalität
auf, die rund eine halbe Million Euro Schaden angerichtet
hatten. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Experten
rechnen mit 35 Milliarden Euro, die organisierte Verbrecherbanden
in der Bundesrepublik verdienen. Durch die Öffnung der
Grenzen werden auch immer mehr Banden aus dem Ausland aktiv
(siehe Grafik). Dabei funktioniert die Arbeitsteilung zwischen
ihnen hierzulande und weltweit immer noch entlang ethnischer
Grenzen. Deutsch dominierte Gruppen sind vor allem bei der
Wirtschaftskriminalität und beim Drogenhandel stark.
Türkische Gruppen kontrollieren den Heroinhandel über
den Balkan. Polnische Gruppen sind nach wie vor für die
Verschiebung gestohlener Autos nach Osteuropa zuständig.
Die Russen sind spezialisiert auf Geldwäsche.
Auf dem Vormarsch sind - wie in der Weltwirtschaft auch -
die Chinesen. 60 Prozent der gefälschten Markenwaren,
die auf der Welt verkauft werden, stammen aus China. 20 bis
25 Prozent der chinesischen Exporte sind Fälschungen.
Ein großes Problem ist dabei, dass viele chinesische
Politiker die organisierte Kriminalität und die verbreitete
Korruption dulden, solange sie die Herrschaft der Kommunistischen
Partei nicht gefährden.
In Japan haben chinesische Triaden schon Fuß gefasst.
Die japanische Yakuza, das wohl mächtigste Schutzgeldkartell,
beschäftigt wegen ihrer Rekrutierungsprobleme in der
alternden Gesellschaft immer mehr Chinesen als Subunternehmer.
Als Glenny einen Yakuza-Veteranen darauf ansprach, sagte der
grinsend: „Wenn ich Anlageberater wäre, würde
ich meinen Klienten sagen, sie sollten ihre Yakuza-Aktien
verkaufen und stattdessen in die Triaden investieren.“
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(Quelle: faz.net)
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