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Dienstag 2. Dezember 2008, 13:31 Uhr
Berliner Lust
Ein Christdemokrat auf Abwegen: Der rheinland-pfälzische
CDU-Funktionär Markus Hebgen soll mit der Kreditkarte
seiner Fraktion Bordellbesuche bezahlt haben. Inzwischen ermittelt
die Staatsanwaltschaft gegen den ehemaligen Unions-Strippenzieher
- wegen des Verdachts der Untreue.
Hamburg - "Nobel" will das Bordell sein, "angesagt"
und "stilvoll", doch auf ihrer Internet-Seite wirbt
die Berliner "Villa Rascona" mit den üblichen
Versatzstücken gewerblicher Verbalerotik: Da "laden
exklusiv ausgestattete Räume zum Träumen ein",
der "Fantasie sind keine Grenzen gesetzt", und es
warten Damen - "charmant, gebildet", zweisprachig
- auf zahlende Kundschaft. Gerne auch aus der bundesdeutschen
Provinz, Zweisprachigkeit hin oder her.
Im Juni 2005 sollte die Geduld der Huren belohnt werden.
Eines Abends - so darf man wohl aus der üppigen Rechnung
schließen - ließ es sich der rheinland-pfälzische
CDU-Fraktionsgeschäftsführer Markus Hebgen in dem
hauptstädtischen Etablissement recht gut gehen. Anschließend
beglich er mit seiner parteieigenen Kreditkarte die Forderungen
über 2900 Euro.
Die Staatsanwaltschaft Mainz, die inzwischen gegen Hebgen
wegen des Verdachts der Untreue ermittelt, bestätigte
diesen Vorgang auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Auch sagte
der Anwalt des Parteifunktionärs, Thomas Spintig, der
"Frankfurter Allgemeinen Zeitung", es sei "unstrittig",
dass sein Mandant mit der CDU-Kreditkarte Nachtclubbesuche
bezahlt habe. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte sich der
Jurist nicht zu den Vorwürfen äußern.
"Bar zur Hölle"
Laut "FAZ" will sich Hebgen in einschlägigen
Etablissements wie der Mainzer "Bar zu Hölle"
- dort soll im Jahr 2003 eine Rechnung über 3700 Euro
fällig geworden sein - nicht alleine vergnügt haben.
Sein Mandant sei bei den Exkursionen ins Milieu in Begleitung
mehrerer Unions-Abgeordneter gewesen, zitiert die Zeitung
Anwalt Spintig. Volkswagens Amüsement-Beauftragter Gebauer
lässt grüßen.
Hebgens Nachfolger als rheinland-pfälzischer Fraktionsgeschäftsführer
will in der "Behauptung", es seien weitere Politiker
an den Herrenabenden im Rotlicht beteiligt gewesen, jedoch
ein "reines Ablenkungsmanöver" erkennen: "Wir
gehen davon aus, dass Herr Hebgen bei seinen Vergnügungen
nicht von Fraktionsmitgliedern begleitet wurde", so Andreas
Göbel zu SPIEGEL ONLINE. "Die Kollegen sehen dem
Ausgang der Ermittlungen daher gelassen entgegen."
Die Affäre um den fleißigen Helfer des CDU-Landes-
und Fraktionsvorsitzenden Christoph Böhr begann kurz
nach der Landtagswahlniederlage im Frühjahr 2006. Das
Duo, seit 13 Jahren arbeitete es nun schon zusammen, zerschlug
es endgültig. Hebgen wechselte auf Vermittlung seiner
Parteifreunde als Geschäftsführer zur Stiftung Kloster
Eberbach ins hessische Eltville.
In die Klosterkasse gegriffen
"Die Tür steht offen, mehr noch das Herz",
lautet ein Wahlspruch der Zisterzensiermönche, einst
in der Abtei zu Hause, doch am weitesten stand dort offenbar
die Kasse offen - Hebgen langte tief hinein. Mehr als 31.000
Euro veruntreute der unehrliche Chef, der sich im März
2008 schließlich selbst anzeigte und gleichzeitig auch
kündigte. Inzwischen ist Hebgen deshalb vom Amtsgericht
Rüdesheim zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe
verurteilt worden.
Als dieser Finanzskandal in Mainz ruchbar wurde, reagierte
die CDU alarmiert. Zwar hatte man nach eigenen Angaben bereits
den Landesrechnungshof mit einer Überprüfung der
Fraktionsfinanzen beauftragt. Doch im Frühjahr 2008 schaltete
die Partei dann auch die Staatsanwaltschaft ein. Von diesem
Zeitpunkt an habe Hebgen sich jeder weiteren Aufklärung
verweigert, so Göbel.
Die Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass der CDU-Funktionär
Hebgen Steuergelder "im fünfstelligen Bereich"
veruntreut hat, wie der Leitende Oberstaatsanwalt Klaus Puderbach
SPIEGEL ONLINE sagte. Nach Informationen des "Trierschen
Volksfreundes" soll Hebgen nicht nur die Fraktionskreditkarte
für private Zwecke genutzt, sondern sich auch Barschecks
ausgestellt haben. Mittlerweile hat der in Ungnade gefallene
Parteisoldat 11.500 Euro an seinen früheren Arbeitgeber
zurückgezahlt.
"Fehlverhalten eingeräumt"
Doch damit ist die Causa Hebgen noch nicht am Ende. Die strafrechtlichen
Schritte gegen den früheren Fraktionsgeschäftsführer
haben Kräfte freigesetzt, die der Union in Rheinland-Pfalz
immer noch schwer zu schaffen machen.
Hebgen gab nämlich gegenüber den Ermittlern an,
seine Partei habe Fraktionsgelder in Höhe von 386.000
Euro für den Landtagswahlkampf 2005/2006 zweckentfremdet.
Dabei geht es um Zahlungen an die Düsseldorfer Unternehmensberatung
C4, die nach Angaben des damaligen Mitinhabers Carsten Frigge,
inzwischen Staatsrat in Hamburg, angeblich zur Vorbereitung
"parlamentarischer Initiativen" verwendet worden
seien.
Wenn das Geld jedoch für den Wahlkampf eingesetzt wurde,
wie Hebgen behauptete, wäre dies ein schwerer Verstoß
gegen das Parteiengesetz. Die CDU müsste zur Strafe das
Dreifache der Summe bezahlen und wäre damit praktisch
pleite. Die rheinland-pfälzische Partei bestreitet die
Vorwürfe - und der Landesrechnungshof prüft nun
auch diesen Vorgang.
Die Staatsanwaltschaft, die bislang lediglich gegen Hebgen
ermittelt, hat zuletzt das Haus des Verdächtigen durchsuchen
lassen. Die Beamten stellten Akten und einen Laptop sicher.
Die Unterlagen sollen demnächst ausgewertet werden.
Und obschon der ehemalige CDU-Strippenzieher über seinen
Anwalt bereits ein "Fehlverhalten eingeräumt"
habe, kündigt Oberstaatsanwalt Puderbach an: "Wir
werden Herrn Hebgen sicherlich noch einmal befragen."
Es bestehe noch "weiterer Aufklärungsbedarf".
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(Quelle: spiegel.de)
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