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Freitag 12. Oktober 2007, 22:34 Uhr
Anwohner kämpfen um ihr Wohnviertel
Prostitution in Schöneberg Geplantes Großbordell an
der Kurfürstenstraße empört die Menschen im Kiez
rund um die Zwölf-Apostel-Kirche
Kurzer Rock, rote Stiefel, suchender Blick - das Geschäft
läuft an diesem Tag nicht gut. Die Prostituierten vor dem Erotik-Kaufhaus
LSD (Love, Sex, Dreams), das rund um die Uhr geöffnet hat,
zeigen sich umso beharrlicher. Im Kiez sind sie nicht gelitten.
Anwohner, Gewerbetreibende, Erzieherinnen und junge Familien mit
Kindern klagen darüber, dass durch die neue aggressive Straßenprostitution
das ohnehin durch Straßenstrich und Drogenszene belastetet
Gebiet gekippt sei. Die Frauen aus Osteuropa würden noch nicht
einmal davor zurückschrecken, die Männer anzusprechen,
die nur mal schnell einen Drink im Café nehmen. Auch Handgreiflichkeiten
seien an der Tagesordnung. Andreas Fuhr, Vater von vier Kindern
im Alter zwischen drei und elf Jahren und Pfarrer der nahen Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde,
sagt, die Stimmung sei aufgeheizt: "Wir hatten hier im Bereich
Froben-, Kurfürstenstraße und Genthiner Straße
eine eher unauffällige Prostitution von zumeist Drogenabhängigen
und haben mit dem Straßenstrich gelebt. Unsere Kinder hatten
nie schlechte Erfahrungen damit gemacht, aber jetzt sind Rumgebrülle
und Geschlechtsverkehr auf der Straße keine Seltenheit mehr."
Auch die Erzieherinnen aus dem "Haus der Kinder" an der
Kurmärkischen Straße 2-8 haben die Veränderung längst
zu spüren bekommen. Es gebe viel mehr Frauen, die sich prostituieren
als noch vor wenigen Monaten, sie seien auch auffälliger gekleidet
als Huren vom Straßenstrich um die Ecke in der Frobenstraße
oder die weiter entfernt auf der Kurfürstenstraße. Auch
die "alteingesessenen" Huren ärgern sich über
das neue Geschäftsgebaren ihrer Konkurrenz: "Die machen
alles für "nen Zehner, ohne Gummi, manche gehen mit den
Männern dazu ins LSD-Haus, bei uns hält keiner mehr an.
Und wenn, handeln uns die Freier runter, denn wir nehmen ab 25 Euro",
so eine Prostituierte, die an der Frobenstraße mit zwei weiteren
Frauen auf Kunden wartet. Sie sind unauffällig gekleidet. Dass
sie ihre Haut zu Markte tragen, merkt man auf den ersten Blick nur
daran, dass sie wartend am Bordstein stehen.
Das Bezirksamt hat nicht nur 2400 Protest-Unterschriften von Anwohnern
gegen das von einem Privatmann beantragte Großbordell im ehemaligen
Wegert-Haus erhalten, auch Geschäftsleute appellieren an die
Politiker, im Kiez wieder für mehr Ordnung zu sorgen.
Woolworth-Geschäftsleiter Detlef Matuszewska (46), der das
Treiben direkt vor der Tür hat, ärgert sich über
die massive Anhäufung von Prostituierten, die rund um die Uhr
arbeiten. Durch das "ständige Angequatsche" würden
seine Kunden verprellt. Es gebe viele Beschwerden. Auch die Mitarbeiter
fühlten sich in solch einer Umgebung nicht mehr wohl. Zusammen
mit der IG Potsdamer Straße sei der Verein "Boulevard
der Bänke", dessen Vorsitzender er ist, bemüht, die
Potsdamer Straße als Einkaufs- und Flaniermeile aufzuwerten.
Die Verwaltungen der beiden Bezirke Mitte und Tempelhof-Schöneberg
müssten dringend zusammenarbeiten, um das Problem in den Griff
zu bekommen.
Selbst der Hauseigentümer des ehemaligen Wegert-Hauses, Sven
H., bezeichnet die Entwicklung als "Drama". Nach reiflicher
Überlegung habe er mit dem Privatmann aus Westdeutschland,
der in der zweiten, dritten und vierten Etage des Gebäudes
das Laufhaus einrichten will, einen Zehn-Jahres-Mietvertrag gemacht.
Und zwar, nachdem das Stadtplanungsamt dem Mieter gesagt habe, dass
die Genehmigung für ein Bordell an dieser Stelle kein Problem
sei. Um aus der Misere herauszukommen, habe er den Mieter vor kurzem
gebeten, den Vertrag aufzuheben. Doch der habe abgelehnt. Er habe
Kosten gehabt, Brandschutzgutachten und Baupläne würden
der Behörde komplett vorliegen. Der Mieter fühle sich
im Recht und werde die Sache durchziehen, meint der Hauseigentümer.
Seinen Namen will der Hauseigentümer, von Beruf Bankkaufmann,
mit Rücksicht auf seine Kinder nicht nennen. Seinem Mieter
habe er ebenfalls Diskretion zugesagt. Der Betreiber habe mit dem
Straßenstrich vor der Haustür aber nichts zu tun. Um
das Haus "sauber zu halten", habe er als Hauseigentümer
nun Bodyguards angestellt. Sie sollen die Prostituierten verjagen.
Und der Parkplatz werde nachts mit Flutlicht beleuchtet.
Die Hoffnung der Rossmann-Verkausfstellenleiterin Beatrix Baum,
dass es besser ist, wenn die Prostituierten von der Straße
wegkommen und im Haus arbeiten, wird also wohl nicht in Erfüllung
gehen. Das Bordell würde eine neue Gruppe von Huren mit ihren
Freiern bedeuten, sagt auch Stephanie Klee vom Bundesverband sexuelle
Dienstleistungen, in dem Prostituierte organisiert sind. Auch sie
ist gegen das Laufhaus an der Potsdamer Straße Ecke Kurfürstenstraße:
"Ein Laufhaus würde die Vielfältigkeit erhöhen,
aber an dieser Stelle wäre es nicht sozialverträglich."
Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg hat zugesagt, das Bordell
nicht genehmigen zu wollen. Es scheint auf einen Rechtstreit hinauszulaufen,
den baurechtlich ist es zulässig.
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(Quelle: morgenpost.de)
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