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Samstag 11. August 2007, 11:29 Uhr
Käufliche Liebe als Therapie
Saskia begleitet Männer – immer für Geld, meistens
ins Bett. Das macht sie seit rund einem Jahr. Sie nennt es einen
Traumjob – neben ihrer eigentlichen Arbeit als Personaldisponentin.
„Puren Sex, ohne Liebe, das muss man schon können“,
sagt die Siebenundzwanzigjährige, die mit warmer Stimme und
leichtem schwäbischem Dialekt spricht. Die Stelle bei der Escort-Agentur
sei das Beste, was sie sich vorstellen könne.
Sie als Single habe eben auch körperliche Bedürfnisse.
Aber wenn sie Männer auf dem „normalen Weg“ kennenlerne,
dann sei es oft schwer, die Sache nach einer Nacht zu beenden. Und
es sei ihr einfach zu anstrengend. Sie fragt: „Warum sollte
ich keine lustigen und schönen Abende mit wohlhabenden und
meist attraktiven Männern verbringen und dafür auch noch
bezahlt werden?“
Alles unkompliziert
Aus ähnlichen Gründen zahlt Philipp, der in der Medienbranche
arbeitet, rund 400 Euro, um zwei Stunden mit einer schönen
Dame verbringen zu dürfen – eine Nacht kann sogar mehr
als 1000 Euro kosten. Die Frauen der Agentur bekämen ja seine
Telefonnummer nicht, und so habe er schöne Abende ohne jede
Verpflichtung; das sei ihm das Geld wert. Alle seine Beziehungen
seien bisher gescheitert. Der Sechsunddreißigjährige,
der eine angenehme und ruhige Stimme hat, versichert: „Ich
lerne auch so genug Frauen kennen.“ Aber mit einer 70-Stunden-Woche
könne und wolle er gewisse Erwartungen im Moment einfach nicht
erfüllen. Was für Erwartungen das sind, erklärt er
nicht. Bei den „Escorts“ sei eben alles unkomplizierter,
und er habe hinterher immer ein gutes Gefühl.
Vanessa, hellblond und schlank, heißt wie Saskia und Philipp
eigentlich anders. Am Telefon hört sie sich fast an wie ein
Kind. Aber sie kann durchgreifen: Die Chefin der Agentur „Glamour-Escort“
mit Sitz unter anderem in Frankfurt kümmert sich um um die
Verwaltung. Die Zweiunddreißigjährige betreibt die Agentur
nebenher, in ihrem anderen Leben hat sie noch eine Unternehmensberatung.
Sie meint genau zu wissen, was die Frauen und Männer suchen,
die bei ihr anrufen. Es gehe nicht nur um „rein und los“.
„Die Mädels haben oft Erfahrungen als Geliebte gemacht,
wurden schmählich verlassen – und wollen jetzt selbst
bestimmen, wo es langgeht. Und die Herren wollen umschwärmt
werden, aber ohne Verpflichtungen.“
Wer nach „Escort-Service Frankfurt“ googelt, erzielt
847 Treffer. Die Stadt der Banken und Messen bietet für Escort-Agenturen
ein perfektes Umfeld. Vanessa bestätigt das; ihre Kunden seien
in erster Linie Geschäftsleute aus dem In- und Ausland. Und
gerade während der Messen steige die Zahl der Buchungen sprunghaft
an.
„Die meisten Treffen enden im Bett“
Die Internetseite von Vanessas Agentur ist in warmen, rotbraunen
und beigen Tönen gehalten. Die Chefin legt viel Wert auf einen
professionellen Eindruck, der potentielle Kunde wird diskret angesprochen.
Von ihren „Mädels“, wie sie ihre Frauen nennt,
gibt es Fotos. Meist in Unterwäsche, aber das Gesicht ist nie
zu erkennen. Vielleicht vermittelt diese oder jene Agentur Frauen
wirklich nur als Abendbegleitungen – aber die erotischen Angebote
überwiegen. „Die meisten Treffen enden im Bett“,
bestätigt Vanessa. Ihrer Ansicht nach ist genau das wichtig:
Ein Mann fühle sich nur dann gut, wenn die Frau ihm signalisiere,
dass sie Sex wolle. Und schließlich auch mit ihm ins Bett
gehe.
Obwohl die Männer alleine für die Damenbegleitung schon
viel Geld zahlen, von dem die Frauen rund 75 Prozent behalten dürfen,
sind sie auch spendabel bei den Treffen. Die Frauen werden beschenkt,
zum Beispiel mit ihrem Lieblingsparfüm, das Dinner bezahlt
der Herr ebenfalls – genauso wie Champagner, Theaterkarten
oder was sonst anfällt. Sie kaufen sich so eine Geliebte auf
Zeit. Und die Frauen lassen sich gerne kaufen – um Geld zu
verdienen, aber in erster Linie, um sich gut zu fühlen.
Das glaubt zumindest Vanessa: Die Treffen mit den gutsituierten
Geschäftsmännern kämen für die Frauen einer
Aufwertung und einer Genugtuung gleich. Saskia bestätigt das:
„Ich bin selbstbewusster geworden, bekomme viele Komplimente.
Mein Auftreten ist sicherer, ich fühle mich schöner. Ich
werde besser und liebevoller behandelt als von einem Freund.“
Prostitution nicht aus Geldnot, sondern als Therapie.
Kunden von 24 bis 70 Jahren
Nach dem Scheitern ihrer achtjährigen Beziehung war das Selbstwertgefühl
von Saskia „ganz unten“. Sie schaute sich gemeinsam
mit einer Freundin im Internet nach einem Callboy um – der
sollte ihr helfen, sich wieder gut zu fühlen. Doch keiner gefiel
ihr – stattdessen fand sie Vanessas Agentur. Sie passte zum
gesuchten Profil der Damen: Charmant, attraktiv, intelligent sollen
sie sein, zwischen 20 und 39 Jahren. Schlank versteht sich von selbst
– auf den Fotos im Internet gibt es keine molligen Frauen.
Saskia füllte den Fragebogen aus, schickte ihr Bild mit und
wurde eingeladen. Das Fotoshooting fand in Hamburg statt, eine Woche
später folgte der erste Termin: Für zwei Stunden wurde
sie gebucht.
„Ich war wahnsinnig aufgeregt, man weiß ja nie, was
kommt“, sagt Saskia. Doch der Kunde sei noch viel nervöser
gewesen als sie. Eine Stunde wurde geredet, dann machte Saskia den
ersten Schritt und fing an, ihn zu küssen. Der Rest ergab sich
wie von selbst. Seitdem hatte sie viele nette Begegnungen. Sie geht
zu Musicals und wird in teure Restaurants eingeladen. Ihr jüngster
Kunde bisher war 24, ihr ältester 70 – der allerdings
wollte sich wirklich nur unterhalten. Noch nie hat sie einen Termin
abgelehnt.
Doch Inhaberin Vanessa hebt hervor, dass nicht jeder Termin angenommen
werden müsse, dass alles freiwillig sei: Wenn der Mann zum
Beispiel sehr ungepflegt sei oder streng rieche, dann dürften
die Frauen wieder gehen. Damit sie sich das auch leisten können,
achtet Vanessa nach eigenem Bekunden darauf, keine zu beschäftigen,
die hauptberuflich in dem Gewerbe tätig ist. Ihre Frauen studieren
oder haben eine feste Arbeitsstelle. Geschlechtsverkehr, heißt
es, gebe es nur mit Kondom. Und auch auf Sicherheit wird angeblich
geachtet: Vanessa sagt, sie kontrolliere, ob sich die Männer
unter richtigem Namen im Hotel angemeldet hätten, und rufe
dort an. Die Frauen müssten sich nach dem Termin sofort melden.
Studierte Prostituierte
Jeden Monat bewürben sich zwischen 150 und 200 Frauen, aber
außer dem Aussehen müssten auch Bildung und Niveau stimmen:
Von den rund 60 Damen, die bei Vanessa angestellt sind, haben nach
Angaben der Chefin alle Abitur, rund 70 Prozent studieren oder haben
studiert. Die angeblich ideale Frau beschreibt sie so: „ein
Playboy-Häschen mit akademischem Hintergrund“.
Sollte Philipp jemals seine ideale Frau finden, würde er
sofort mit den Escort-Damen aufhören, behauptet er. „Ich
hätte auch kein Problem damit, ihr dann davon zu erzählen.“
Aber sonst hält er sich eher bedeckt – seine Eltern zum
Beispiel wissen bis heute nichts davon. Dafür aber viele seiner
Freunde. Einigen von ihnen hat er nämlich gleich den Kontakt
vermittelt. Angefangen hatte alles damit, dass er zwei seiner Mitarbeiter
belohnen und ihnen einen schönen Abend spendieren wollte: Beim
Suchen im Internet fand er die Escort-Agentur.
Vanessa kam gleich persönlich und brachte zwei Frauen mit.
Die beiden Herren wussten nicht, dass sie es mit „Professionellen“
zu tun hatten, und merkten es den ganzen Abend nicht. Das war vor
rund drei Jahren, und seitdem gönnt sich Philipp diesen Luxus
immer wieder. Zur Freude von Vanessa – und vielleicht auch
ihrer Mitarbeiterinnen.
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(Quelle: faz.net)
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