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Sonntag 7. Januar 2007, 23:13 Uhr
Rotlicht im Zwielicht

Werden Prostituierte künftig auch in einem von der Stadt betriebenen Bordell ihre Dienste anbieten? Der Vorschlag von Ratsherr Peter Kentner (CDU) hat bislang vor allem Widerworte gezeugt. Die Debatte krankt indes an einem Kernproblem: Niemand weiß verlässlich, wieviele Dirnen überhaupt in Erfurt anschaffen.

Sie gilt als die Erfurter Rotlichtmeile schlechthin - und doch taugt sie nicht mal als der schäbige Abklatsch von Reeperbahn oder Pigalle. Wen es auch immer in die Metallstraße verschlägt, dem dürfte zunächst der Atem stocken. Statt in einem glitzernden Sündenviertel findet er sich in einer der heruntergekommensten Straßen der Stadt wieder. Leere Fensterhöhlen gaffen einem entgegen, weitere Fenster und Hauseingänge sind zugemauert. Selbst die Reklame einschlägiger Etablissements bröckelt von den Wänden. Nur nachts dringt rotes und blaues Schummerlicht aus den Fenstern zweier Häuser, kündet davon, dass es hier noch Leben gibt.

Käufliches Leben.

Normalerweise hätten hier bereits seit dem letzten Frühjahr sämtliche Schotten dicht sein müssen. Das Ordnungsamt hatte die Türen polizeilich versiegeln lassen. Man habe sich, so verrät Amtsleiter Rolf Klimek, damals auf der sicheren Seite gefühlt. Schließlich liegen die zur Prostitution genutzten Räumlichkeiten innerhalb des 1995 von der Stadtverwaltung eingerichteten Sperrbezirks. Vor allem die Nähe zu einem Kindergarten in der Nachbarstraße sollte als Argument gegen das Bordell herhalten. Dann aber kam die Sache vor Gericht und stieß auf einen Richter, der sich nicht nur mit der Gewerbefreiheit sondern auch im wahren Leben auszukennen schien. Eine Kindereinrichtung, so befand Justitia, habe geschlossen, wenn in einem Bordell der Betrieb begänne. Die Schließung wurde im Eilverfahren aufgehoben.

Tatsächlich besteht kaum die Gefahr, dass sich ein Kind in die Metallstraße verirrt. Die unweit des Nordbahnhofs gelegene sowie nur einseitig wohnbebaute Gasse grenzt an Schienen, Fabrikmauern und Zäune. Es gibt keinen normalen Anlieger- geschweige denn Durchgangsverkehr. Es gibt nur Sex.

Auch andernorts laufen die Erfurter kaum Gefahr, urplötzlich durch den Anblick einer herumlungernden Prostituierten geschockt zu werden. Die beiden legalen Bordelle befinden sich am Stadtrand. Zudem existiert in der Stadt bislang kein Straßenstrich.

"Scheinheilig" nennt die Sozialpolitikerin Karola Stange (Linke) diese Praxis. Die Prostituierten seien damit zwar aus den Augen, die mit ihnen verbundenen Probleme aber allenfalls räumlich verdrängt. Wäre da der Vorschlag von Peter Kentner, in Bahnhofsnähe ein städtisches Bordell einzurichten, nicht eine wirkliche Alternative? Auch dies hält Stange für den falschen Weg. "Solange Frauen sich freiwillig dem Gewerbe hingeben, ist das allein deren Angelegenheit." Eine Kommune sei nicht dazu da, diese Tätigkeit abzusichern. Ähnlich argumentiert auch Thomas Pfistner, Sozialexperte der CDU. Es sei den Bürgern nicht vermittelbar, dass die Stadt viele soziale Leistungen privatisiert, andererseits aber künftig einen Puff betreibt.

Dass dies im Mittelalter in Erfurt eine gängige Praxis war, ist den Ratsdamen und -herren zwar wohlbekannt, dient heutzutage aber allenfalls noch der Erheiterung. Gern erzählt man sich davon, dass der Magistrat im 14. und 15. Jahrhundert ein Frowenhaus zu Füßen des Doms unterhalten hatte.

Unklar ist dagegen, wieviele Prostituierte sich heutzutage in Erfurt verdingen. Weder die Polizei noch das Ordnungsamt verfügen über tatsächliche Zahlen, räumt Amtsleiter Rolf Klimek ein. Intime Kenner der Szene sprechen von 60 bis 80 Huren. Auf jeden Fall gibt es eine hohe Dunkelziffer: Viele Frauen prostituieren sich nur gelegentlich und auf eigene Rechnung in der eigenen Wohnung. Immer mal wieder vertrauen sich Betroffene ihren Frauenärzten an. Auch Gynäkologe Kentner berichtet von solchen Fällen.

Wohl auch deshalb nehmen seine Parteifreunde den Vorschlag zum kommunalen Bordell ernst. Heute Abend will die CDU-Fraktion dazu beraten.

Nicht vor Ort in der Metallstraße. Sondern im Rathaus.

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(Quelle: thueringer-allgemeine.de)

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