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Samstag 3. März 2007, 00:15 Uhr
Clemensstraße: Entsteht das alte Amüsierviertel neu?

Lübeck - letzte Rotlicht ist erloschen - doch der "Blaue Engel" soll wieder fliegen. Die Clemensstraße könnte als neues Amüsierviertel auferstehen. Die ersten Sanierer sind schon da.

Hässliche Kacheln von der Fassade klopfen, Ornamente freilegen, historische Türen wieder einbauen, das ganze Haus unter Denkmalschutz stellen lassen - was Matthias Glasenapp und Jörg Sellerbeck seit einem Jahr umtreibt, kennen Sanierer von der gesamten Altstadtinsel. Deren Häuser liegen aber nicht in der ehemaligen Rotlicht-Straße wie das von Glasenapp und Sellerbeck: Der Tischler und der Student der Kunstgeschichte haben zwei miteinander verbundene Gebäude in der Clemensstraße gekauft, Haus Nr. 8 und 10, einst bekannt als "Wunder-Bar" und "City- Treff", Bordelle seit ihrer Erbauung um 1900. Und umgeben von weiteren Bordellen, in denen jetzt jedoch völlig tote Hose herrscht, in einer Art Geister- Gasse - kaum vorstellbar, dass in der ehemals berüchtigten Clemensstraße zu Spitzenzeiten 14 Etablissements und bis zu 160 Prostituierte zu finden waren.

Ende Dezember 2006 schloss das letzte Lokal, "Die goldene 7" - Schlusspunkt unter einer jahrhundertelangen Halbwelt-Geschichte, die im 17. Jahrhundert mit "Krugwirtschaften" begonnen hatte, bis um 1900 die ersten Bordelle entstanden und 1903 die einstige "Clemens- twiete" offizielle "Bordellstraße" wurde. Etwa die Hälfte der renovierungsbedürftigen Häuser ist nun zu verkaufen: Nr. 1a, Nr. 3, Nr. 5 (ehemals "Dia-Show"), Nr. 6 (ehemals "Venus Bar") und Nr. 12, zu Preisen zwischen 40 000 und 250 000 Euro. Haus Nr. 7 soll erst gestern verkauft worden sein.

Die Verhandlungen mit den Eigentümern seien teilweise schwierig, sagt Sellerbeck, der vor seinem jetzigen Studium als Bankvorstand gearbeitet hat. Einige Preisvorstellungen seien "überzogen". Er hofft aber auf Einigung und einen Aufschwung in der Clemensstraße. "Einer muss ja den Anfang machen", meint der 39-Jährige.

Weitere Interessenten werden kommen, glaubt Sellerbeck, besonders aus der Gastronomie und der Party-Szene, angezogen auch vom leicht verruchten Flair. Eine neue, vielseitige Amüsiermeile stellt sich Sellerbeck vor - und auch neuen Wohnraum mitten in der Stadt. Dazu müsste die Stadt aber den Bebauungsplan für die zur Untertrave gelegene Hälfte der Clemensstraße ändern (siehe Text oben). Selbst hätten er und sein Kompagnon um die 150 000 Euro in die detailgetreue Sanierung der "Anbahnungsgaststätte" im Erdgeschoss gesteckt.

Herausgekommen sind dabei edle Altbau-Räume ohne jeglichen schmuddeligen Hauch, mit feinen Fliesen und Dielen auf dem Boden und nachgefertigten Holzpaneelen an den Wänden. "Die Decken waren gleich zweifach abgehängt", berichtet Sellerbeck. Darunter kamen Malereien, Stuck und eine doppelstöckige Glaspyramide zum Vorschein. Eher schlicht sind hingegen die 18 "Fremdenzimmer" in den oberen drei Etagen.

Räumlichkeiten, die auch Heinrich Mann vertraut waren. "Haus Nr. 8 hieß früher ,Goldener Engel' und war Vorbild für den ,Blauen Engel'", erzählt Sellerbeck - jener "Blaue Engel", der durch Manns Roman "Professor Unrat" und die Verfilmung mit Marlene Dietrich berühmt wurde. Ein Hintergrund, der Sellerbeck an Veranstaltungen mit dem Buddenbrookhaus denken lässt. Dort besteht durchaus Interesse: "Wir machen einen Ortstermin und sind grundsätzlich aufgeschlossen", erklärt Holger Pils von der Kulturstiftung.

Gefeiert werden soll aber auch. Den Anfang macht Jens Baschant, der momentan das ehemalige "Body & Soul" an der Kanalstraße zum "Riverboat" umbaut. Er lässt in der Clemensstraße 8/10 eine Test-Party steigen, am Sonnabend, 17. März, unter dem Motto "Rock im Puff" - allein wegen themenspezifischer Dias an den Wänden "streng ab 18". "Jetzt bewegt sich viel", so Sellerbeck, der von künftigen Künstler-Ateliers, Proberäumen für Musiker, Lesungen und Filmvorführungen schwärmt - im "Blauen Engel", denn so soll der neue Treffpunkt heißen, der nach der Verkehrsberuhigung der besonderen Art frischen Wind durch die Clemensstraße wehen lässt.

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(Quelle: ln-online.de)

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