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Donnerstag 2. August 2007, 10:07 Uhr
Tankstellen-Alltag auf der Reeperbahn
Hamburg (dpa) - Nach getaner Arbeit gehen die «leichten Mädchen»
um 6.00 Uhr morgens noch schnell zur Tankstelle an der Reeperbahn
und holen sich ein paar Brötchen.
In der wohl bekanntesten Tankstelle Deutschlands, mitten zwischen
Sex-Clubs, Kneipen und anderen Amüsierbetrieben, treffen tagtäglich
Freier, Prostituierte, Kiez- Größen aber auch Theaterbesucher
und feierwütige Jugendliche aufeinander. Juniorchef Lars Schütze
bezeichnet seine Filiale im Herzen von St. Pauli als Dorfplatz des
Kiezes. «Hier trifft man sich, hier gibt es immer ein großes
Hallo.»
Seit fünf Jahren kann der Andrang an Wochenenden nur noch
mit Hilfe eines Sicherheitsdienstes bewältigt werden. «Das
ist der ganz normale Wahnsinn hier», sagt Sicherheitskoordinator
Carsten Mewes. Das Kleinod an der Reeperbahn wird in der dritten
Generation geführt. 1948 eröffnete Lars Schützes
Großvater die erste Tankstelle in Hamburg, seit 1962 ist die
Familie am heutigen Platz vertreten.
Bis zu 3000 Getränkeflaschen werden hier an einem Abend verkauft.
Auf einem großen Schild ist zu lesen «... hier können
Sie Getränke tanken». Kunden können auf den 200
Quadratmetern Verkaufsfläche aber auch Lottoscheine abgeben,
braune Quietsche-Entchen des FC St. Pauli kaufen oder sich mit Katzen-
und Hundefutter eindecken.
Samstagabend 21.00 Uhr: Auf dem Tankstellengelände «glühen»
die jungen Leute für den Zug über die sündigste Meile
Deutschlands vor. An der Zapfsäule für Super Plus Bleifrei
schüttet ein Partygänger Bacardi und Cola in einen weißen
Plastikbecher. Praktischerweise steht in der Nähe der Zapfsäulen
gleich ein großer Eisautomat. Juniorchef Schütze hat
an diesem Abend kurzfristig die Tankpumpen abgestellt, da auf dem
Gelände mächtig dem blauen Dunst gefrönt wird. Jugendliche
rufen Schütze zu: «Hey, Dich kennen wir aus dem Fernsehen».
Immer wieder steht die Tankstelle im Mittelpunkt von TV- Dokumentationen.
Samstagabend, 23.00 Uhr: An der Eingangstür lehnt ein älterer
Herr im rot-grauen Tankwartanzug. Der 66 Jahre alte Mann mit der
viereckigen Brille und den weißen, nach rechts gescheitelten
Haaren stellt sich als «der kölsche Helmut» vor.
«Ich war vor 40 Jahren der erste Kölner in St. Pauli»,
sagt er. Nach Jobs als Kellner, Koch und Gastronom ist er seit 14
Jahren bei den Schützes an der «Tanke» angestellt.
«Die Leute flippen hier oft mal aus, aber das gehört
dazu.» Früher, da sei alles anders gewesen. Schlägereien
und Schießereien habe es fast täglich gegeben, berichtet
Helmut.
Einer seiner damals besten Kumpels, Beatle alias Walter, kam aus
Köln mit nach St. Pauli und machte in der GMBH «Karriere».
GMBH - dieses Kürzel stand in den 70er Jahren für Gerd,
Mischa, Beatle und Harry; vier legendäre Kiez-Größen,
die als Chefs der mächtigsten Zuhältertruppe auf St. Pauli
bekannt und berüchtigt waren. Der kölsche Helmut schaut
auf das Treiben an der Tankstelle und sagt: «Ich habe immer
mit ehrlicher Arbeit mein Geld verdient.» Hier an der Tankstelle
kenne man sich. «Wir sind ein richtiges Dorf auf St. Pauli.»
Das Klima beschreibt er als rau, aber herzlich.
Lars Schütze teilt den Alltag an der Tankstelle in drei Phasen
ein: Tagsüber kommen häufig hochwertige Limousinen zum
Waschen und Auftanken vorbei. «Da sind die Jungs vom Kiez,
aber auch Ärzte und Rechtsanwälte dabei.» Gerade
an Wochenenden übernimmt abends das junge Publikum das Zepter.
Morgens kommen dann die «Angestellten» von der Reeperbahn
und Arbeiter, um sich mit Brötchen einzudecken. «Für
die Mädels ist es das Abendbrot, für die Arbeiter das
Frühstück», sagt der 39-Jährige.
Die Tankstelle ist aber für die Menschen auf St. Pauli weit
mehr als Benzin und Lebensmittelshop. Einmal kam ein Mann, der sich
gerade die Pulsadern aufgeschnitten hatte, zur Tankstelle. «Er
hatte es sich anders überlegt und wollte nicht mehr sterben»,
erzählt Schütze. Die Kassiererin leistete Erste Hilfe,
der Mann überlebte und bedankte sich am nächsten Tag mit
einem riesigen Blumenstrauß. Nicht nur deshalb widmete ein
Hamburger Künstler der Kiez-Tankstelle ein Gemälde mit
dem Titel «Lebensretter».
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