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Freitag 23. Juni 2006, 16:07 Uhr
Koch auf Tuchfühlung mit dem Rotlichtmilieu

Wiesbaden (ddp-hes). Fernsehkameras und Fotografen wollte Roland Koch bei diesem Ortstermin lieber nicht dabei haben: Hessens CDU-Ministerpräsident ging in der Nacht zu Freitag auf Tuchfühlung mit dem Rotlichtmilieu. Doch nicht, um die Dienste des Gewerbes in Anspruch zu nehmen - vielmehr nahm der Regierungschef an einer Polizeikontrolle in Sachen Zwangsprostitution teil. Erst im Nachhinein trat er auf kurzfristige Einladung hin vor die Presse, um seine Eindrücke zu schildern.

Wer dabei schlüpfrige Bekenntnisse erwartet hatte, wurde enttäuscht. Koch sprach zunächst von der Polizei, ihren täglichen Aktionen gegen illegale Prostitution und der Belastung der Beamten. Auch über das Ausmaß des Problems, das Delikte wie Menschenhandel, Quasi-Sklaverei und Passfälschung umfasst, ließ er sich in seinem Eingangs-Statement aus.

Erst auf Nachfrage schilderte der Christdemokrat knapp, wie er persönlich die nächtliche Kontroll-Tour wahrgenommen habe: Er sei mit der Einsatzleitung in der Frankfurter Moselstraße gewesen, habe sich aber stets im Bereich der Polizei aufgehalten - «um es zu trennen», wie Koch vielsagend hinzufügte.

Los werden wollte er im Wesentlichen eine Botschaft: Die Zwangsprostitution während der Fußball-Weltmeisterschaft habe nicht das im Vorfeld befürchtete Ausmaß erreicht. «Letztlich ist die Sorge zu groß gewesen», sagte Koch, ohne genaue Zahlen zu nennen. Die ließ sich Landespolizeipräsident Norbert Nedela entlocken: Er ergänzte, es seien «allenfalls zehn Prozent mehr» Prostituierte in Frankfurt als die üblichen 1300 bis 1400 täglich.

Gleichwohl sei es besser, einmal zu viel als einmal zu wenig vor Zwangsprostitution zu warnen, fügte Koch hinzu. Seine und Nedelas Erkenntnisse decken sich mit Beobachtungen des Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen (BSD). «Die WM ist ein Happening und eine Riesenparty, die durchs Land rollt, aber für käuflichen Sex haben die Fans weder Geld noch Zeit», konstatierte Stephanie Klee vom BSD.

Für Kochs politische Gegner war trotz fehlender medialer Begleitung klar: Hier startete jemand eine «PR-Aktion» (Grünen-Innenpolitiker Jürgen Frömmrich) beziehungsweise eine «medienwirksame Kampagne» (Ulli Nissen, Vorsitzende der südhessischen SPD-Frauenorganisation AsF). Nissen, die sich schon Monate vor der Fußball-WM für eine Kampagne gegen Zwangsprostitution stark gemacht hatte, zeigte sich auf ddp-Anfrage wenig überrascht von den verkündeten Ergebnissen. Den legalen Bordellen werde durch Kontrollen und Razzien «die Freier verschreckt und das Geschäft kaputt gemacht».

Die südhessische AsF-Vorsitzende warf der CDU vor, froh zu sein, im Rotlichtmilieu «endlich wieder Razzien machen» zu können. Der Regierungschef solle stattdessen für mehr Entwicklungshilfe zugunsten der Herkunftsländer der Zwangsprostituierten sorgen sowie die Zertifizierung von Bordellen vorantreiben, die ihren Prostituierten «vernünftige Arbeitsbedingungen» böten.

Frömmrich billigte Kontrollen zwar, forderte aber auch, die Aktivitäten gegen Zwangsprostitution nach der Fußball-WM fortzusetzen und ein Zeugenschutzprogramm für die Opfer aufzulegen. Dieses könne aus beschlagnahmten Geldern der organisierten Kriminalität finanziert werden - das seien im vergangenen Jahr fast 15 Millionen Euro gewesen.

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