Dienstag
17. Januar 2006, 14:46 Uhr
Zeichen gegen Menschenhandel
Frankfurt (Oder) (ddp-lbg). Die Gattin des Bundespräsidenten,
Eva Luise Köhler, hat die Gesellschaft zu einem stärkeren
Einsatz gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution aufgefordert.
Man dürfe nicht wegschauen, wenn es im 21. Jahrhundert noch
eine solche Form der Sklaverei gebe, sagte sie am Dienstag nach
einem Besuch des Frauenhilfevereins «Belladonna» in
Frankfurt (Oder). Die Prostituierten müssten häufig unter
«übelsten Bedingungen» Dinge tun, die sie nicht
wollen. Hier müsse die Gesellschaft einschreiten.
Eva Luise Köhler zeigte sich beeindruckt von der Arbeit des
Vereins, der hauptsächlich aus der Ukraine und Weißrussland
stammende Opfer von Zwangsprostitution betreut und berät. Viele
Frauen würden ein Leben lang unter den psychischen Folgen der
Zwangsprostitution leiden, sagte sie. Bischof Wolfgang Huber sagte,
das Thema werde vor allem im WM-Jahr wichtig. Er befürchte,
dass zur Fußball-Weltmeisterschaft viele osteuropäische
Prostituierte nach Deutschland gebracht werden. «Das wäre
eine Schande für Deutschland», sagte Huber, der die Schirmherrschaft
über den Verein hat.
Der evangelische Bischof forderte eine Änderung der Ausländergesetzgebung
in Deutschland. Das Interesse des Staates dürfe sich nicht
darauf beschränken, die Frauen in Strafprozessen als Zeugen
auftreten zu lassen. Sie brauchten während der oft mehrjährigen
Wartezeit auf einen Prozess auch Ausbildung und Beschäftigung.
Mit einer guten Ausbildung hätten die Frauen bessere Perspektiven
in der Heimat, sagte «Belladonna»-Chefin Uta Ludwig.
Der Verein habe Kontakte zu Organisationen unter anderem in der
Ukraine, die die Frauen nach ihrer Rückkehr begleiten.
Ludwig bemängelte das neue Zuwanderungsgesetz. Diese regele
nicht mehr, dass betroffene Ausländerinnen 30 Tage nachdenken
können, ob sie in einem Prozess aussagen wollen. Für das
Land Brandenburg sei diese Lücke vergangene Woche geschlossen
worden, sagte sie. Gemeinsam mit dem Innenministerium sei vereinbart
worden, dass den Frauen wieder die 30-Tages-Frist eingeräumt
wird.
Ludwig forderte die Freier auf, bei Anzeichen von Zwangsprostitution
die Behörden zu informieren. Merkmale dafür seien beispielsweise
blaue Flecken, abgesperrte und von Kameras überwachte Zimmer
oder der Umstand, dass nicht die Frau, sondern der Barbetreiber
kassiert. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft wollen die deutschen
Frauenfachberatungsstellen einen Flyer herausbringen, der an der
gesamten Ostgrenze zwischen Vorpommern und Bayern verteilt werden
soll.
Der 1989 gegründete Verein begleitete seit 1997 nach eigenen
Angaben 60 Opferzeuginnen. «Belladonna» stellt den Frauen
Schutzwohnungen und vermittelt Anwälte und gesundheitliche
Betreuung. Seit 1994 gibt es zudem ein Streetworker-Projekt zur
Aids-Prävention und Beratung von Prostituierten in den polnischen
Grenzstädten. Dort gehen 1300 Frauen in 78 Bordellen der Prostitution
nach. Rund 90 Prozent der Freier kommen aus Deutschland.
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