Mittwoch
4. Januar 2006, 00:32 Uhr
DFB wird wegen laxer Haltung angegriffen
Nur "leidiges Thema"?Bordells erwarten kein Riesengeschäft
(dpa) Frankfurt - Mit der Fußballweltmeisterschaft werden
nach Schätzungen von Fachleuten auch tausende Prostituierte
nach Frankfurt kommen - darunter viele Zwangsprostituierte. Die
Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) im Bezirk
Hessen-Süd macht sich an dem WM-Austragungsort gegen den Menschenhandel
stark. Bundesweit engagieren sich auch der Deutsche Frauenrat und
die beiden großen Kirchen gegen Zwangsprostitution, im hessischen
Landtag wandten sich alle Fraktionen gegen das miese Geschäft
mit der Lust. Die Mädchen und Frauen würden als Ware und
Sex-Objekte behandelt und damit ihrer fundamentalen Rechte beraubt,
heißt es etwa in einem Aufruf der Evangelischen Frauenarbeit
in Frankfurt (EFD).
"Menschenhandel und Zwangsprostitution zur Weltmeisterschaft
2006 müssen wir eindämmen", schrieb die Vorsitzende
der AsF in Frankfurt, Ulli Nissen, Ende November in einem offenen
Brief. Das Schreiben ging an die Präsidenten des Deutschen
Fußball-Bunds (DFB) Gerhard Mayer-Vorfelder, Theo Zwanziger
sowie an den Chef des WM-Organisationskomitees, Franz Beckenbauer.
Der DFB sei bereits vor mehreren Wochen aufgefordert worden, deutlich
gegen diese Form der Gewalt gegen Frauen Position zu beziehen und
sich an der Kampagne des Frauenrates "Rote Karte für Zwangsprostitution"
zu beteiligen, heißt es in dem Schreiben. "Dies haben
Sie abgelehnt."
Nissen wirft den Angeschriebenen vor, in einer Stellungnahme an
das Bundesfrauenministerium, das Problem Zwangsprostitution als
"leidige Angelegenheit" verharmlost zu haben. "Am
Sitz des DFB und am Austragungsort in Frankfurt werden wir deutlich
machen, was wir von Männern halten, die knappe Trikots für
Fußballerinnen fordern und Menschenhandel bagatellisieren."
Konkrete Aktionen nennt die AsF aber nicht. "Wir versuchen
weiter an den DFB ranzukommen, ihn zu sensibilisieren und hoffen
auf dessen Vernunft", sagte Nissen. "Die Friedensfrist
geht bis Ende Januar." 30 000 bis 40 000 Zwangsprostituierte
könnten zur WM nach Deutschland eingeschleust werden, schätzen
Fachleute. Das Bundeskriminalamt (BKA) rechnet auch mit einer Zunahme
von Prostituierten, nennt aber keine Zahlen. "Bei Großveranstaltungen
ist regelmäßig zu beobachten, dass in einschlägigen
Etablissements die Zahl der Frauen steigt", sagt ein Sprecherin.
Polizei und Ordnungsamt in Frankfurt hätten die Lage im Blick,
versichert der Sprecher des hessischen Landeskriminalamts, Siegfried
Wilhelm. Beim Confed-Cup 2005 seien nicht mehr Prostituierte aufgefallen
als sonst. Das Ordnungsamt wird nach eigenen Angaben die Arbeitserlaubnis
ausländischer Frauen kontrollieren. Wenn Auflagen nicht erfüllt
werden, "drohen wir mit Schließung". Nach Schätzungen
der Behörde gibt es in Frankfurt derzeit etwa 2000 Prostituierte.
Die Hilfsorganisation "Frauenrecht ist Menschenrecht"
(FIM) rechnet in Frankfurt mit einer steigenden Zahl von Bordellbesuchern.
Die WM und die Etablissements verbindet eine große gemeinsame
Besuchergruppe: allein reisende Männer. Vermutlich bringe die
Weltmeisterschaft "mehr Schwung und mehr Nachfrage" in
das derzeit dümpelnde Geschäft mit der käuflichen
Liebe, glaubt eine FIM-Sprecherin. Die Organisation will mit einer
Kampagne potenzielle Freier unter den Fans auf die Lage von Zwangsprostituierten
und minderjährigen Prostituierten aufmerksam machen. Die von
der evangelischen Kirche mitgetragene Kampagne soll in allen WM-Städten
starten.
Der Geschäftsführer des Saunaclubs "Sudfass"
verspricht sich von der WM keinen großen Umsatz-Zuwachs: "Die
Leute sind froh, wenn sie die teuren Tickets bezahlen können.
Da bleibt nicht mehr viel übrig." Der Geschäftsführer
zieht Parallelen zur Hochsaison während der Messen: "Zur
IAA standen die Leute früher Schlange. Das ist nicht mehr."
Ob er zur WM die Werbetrommel rühren will, überlegt er
noch. "Mal sehen, was der Wettbewerb macht."
Abwarten heißt auch die Devise im mit 182 Zimmern größten
Bordell Frankfurts. Sie plane nicht lange im Voraus, sagt dessen
Betreiberin. Mit Blick auf WM-Fans als lukrative Kundschaft auch
für das "Crazy Sexy" ist sie skeptisch: "Erwarten
tun alle viel, aber ob sich das erfüllt? In erster Linie geht
es um Fußball." Die Stimmung der Anhänger hänge
vom Spielverlauf ab. Erfahrungsgemäß steigere ein Sieg
die Lust auf einen Besuch im Bordell.
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