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Donnerstag 2. November 2006, 06:00 Uhr
Prostituierte belastet Marek-Bande
23-Jährige hatte sich von Dennis S. überreden lassen,
für ihn anschaffen zu gehen. Sie wurde von ihm verprügelt,
das meiste Geld musste sie abgeben.
Andrea Meyer (Name geändert) kommt durch einen Hintereingang
in den Sicherheitssaal, sorgsam beschützt von zwei Beamten
des Landeskriminalamts . Die 23-Jährige ist im "Zeugenschutzprogramm".
Lebt an einem geheimen Ort. Sie ist die Top-Zeugin der Staatsanwaltschaft
im Prozess gegen zehn mutmaßliche Mitglieder der Marek-Bande,
die sich derzeit vor dem Landgericht verantworten müssen. Gestern
sagte sie aus - zum ersten Mal vor Gericht. Vier der Angeklagten
belastete sie dabei schwer.
Andrea Meyer schaut sich im Saal um: Sie seien die "Chefs"
gewesen, sagt die aparte Frau mit den blond gesträhnten Haaren
ruhig - und nennt Namen: Carsten Marek (46). Weitere Bosse seien
Werner Sch. (51), Richard ("Richi") F. (44). Der Angeklagte
Walter St. (41) sei Chef einer Steige auf dem Kiez gewesen.
Die Angeklagten, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, sollen
196 Frauen zwischen 2001 und dem 17. November 2005 zur Prostitution
gezwungen und das meiste Freiergeld einkassiert haben. Andrea Meyer
spricht gefasst, als sie die Hintergründe aus ihrer Sicht aufzeigt.
Sie bestätigt im Kern die Anklage. 2002 habe sie Dennis S.
kennengelernt, sich in ihn verliebt. Er ist einer jener Männer,
die zu der zweiten Garde der Marek-Bande zählen sollen. Er
stand bereits in einem früheren Prozess mit anderen Marek-Getreuen
vor Gericht, wurde wegen des Falls Andrea Meyer im Mai 2006 zu zweieinhalb
Jahren Haft verurteilt - wegen Zuhälterei.
Zunächst habe er ihr gesagt, er sei Sicherheitskraft in einem
Kasinno, dann habe er ihr gebeichtet, dass er im Rolichtmilieu arbeitet.
"Ich war schockiert." Doch sie habe sich von ihm überreden
lassen, für ihn anzuschaffen - aus Liebe und gelockt vom Luxusleben.
Sie wurde Prostituierte, auf der Straße, dann in Steigen,
auf dem Kiez. Harte Regeln hätten sie und die anderen Frauen
befolgen müssen: Sie mussten an sechs Tagen Freier bedienen,
durften auf der Straße nicht essen, nicht miteinander reden.
Man habe sie angelernt, wie man Freier kobert, auch geschlagen.
Bis zu 1500 Euro habe sie pro Woche verdient - im Schnitt nur 150
Euro pro Woche durfte sie behalten. Dass sie das meiste Geld abgeben
musste, habe Dennis ihr vorher verschwiegen. Als sie einmal zu wenig
Geld einnahm, habe Dennis sie verprügelt. Werner Sch. und Richi
F. hätten dabei nur zugeschaut. "Ich hatte den Eindruck,
dass sie sich gefreut haben." Sie habe die beiden "oft
beim Geldzählen" in einer Steige gesehen, Marek zwei-
bis dreimal. Er sei der Boss, habe Dennis S. ihr erzählt. Die
Anwälte fragen sie nur wenig, ihre Mandanten geben sich zum
Teil entspannt. Einer von ihnen isst genüsslich Marzipan-Herzen.
Wie bei einem TV-Casting schreiten einige der mutmaßlichen
Menschenhändler in den Pausen den Raum, getrennt durch eine
Glasscheibe, ab, hinter der im Zuschauerraum ihre Freundinnen und
Bekannten sie mit lächelnden Blicken verwöhnen - Erinnerung
an bessere Zeiten. Derzeit wohnen die Männer vom Kiez am Holstenglacis.
In kargen Zellen der Untersuchungshaftanstalt. Der Prozess wird
fortgesetzt.
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(Quelle: abendblatt.de)
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