Freitag
25. Februar 2005, 14:44 Uhr
Joschka rutscht ab - Fischer in Umfrage nicht
mehr auf Spitzenplatz - Minister sucht angeblich Offensive in Visa-Affäre
Berlin (ddp). Außenminister Joschka Fischer (Grüne)
bekommt die Auswirkungen der Visa-Affäre jetzt auch an seinen
persönlichen Umfragewerten zu spüren. Nach mehr als drei
Jahren hat er im ZDF-«Politbarometer» seinen Spitzenplatz
auf der Liste der zehn wichtigsten Politiker eingebüßt,
berichtete der Sender am Freitag. Laut Presseberichten will der
Außenamtschef seine Visa-Politik auf dem Parteitag der nordrhein-westfälischen
Grünen am Samstag massiv verteidigen. Polizeigewerkschaften
sehen keinen Zusammenhang zwischen Visa-Missbrauch und Verbrechensanstieg.
Nach Darstellung der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung»
will Fischer am Samstag ausführlich die Gründe für
die Lockerung der Visa-Vergabe erläutern und sagen, warum er
dies heute noch für richtig hält. Zugleich wolle er um
Verständnis bitten, dass er erst vor dem Untersuchungsausschuss
nach genauem Aktenstudium Details darlegen könne. Fischer hatte
am Donnerstag angekündigt, man werde von ihm zu der Affäre
in den nächsten Tagen «ein paar sehr klare Worte hören».
Grünen-Chefin Claudia Roth rief derweil ihre Partei zu einer
«offensiven Auseinandersetzung» in der Visa-Debatte
auf. Es sei nicht hinzunehmen, dass «über die Debatte
eine liberale Visumspolitik diskreditiert wird», betonte die
Parteivorsitzende.
Mit dem früheren sächsischen Ausländerbeauftragten
Heiner Sandig meldete sich erstmals ein CDU-Politiker zu Wort, der
die von seiner Partei angestoßene Diskussion als «sehr
einseitig» kritisierte. Er betonte, dass sehr viele Besucher
aus Osteuropa weder Schwarzarbeiter noch Prostituierte seien. Ein
weltoffenes Deutschland werde «im Moment zu gering geschätzt».
Die Zentrale von EuroCop, des Dachverbandes von 25 europäischen
Polizeigewerkschaften, wies die Vermutung zurück, es gäbe
einen belegbaren Zusammenhang zwischen Visa-Missbrauch und Schwarzarbeit,
Zwangsprostitution und gesteigerter Kriminalität. «Keiner,
der so argumentiert, kann sich auf verlässliche Angaben stützen«,
sagte EuroCop-Präsident Heinz Kiefer. Die Lagebilder des Bundeskriminalamtes
wiesen nicht auf eine »signifikante Zunahme der Schwarzarbeiter-Kriminalität«
hin.
Auch die Beratungsstellen gegen Menschenhandel sehen laut Kiefer
keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Zwangsprostitution und
massenhaft erschlichenen Visa. «Es sind danach keine Fälle
bekannt, in denen Opfer von Menschenhandel aus der Ukraine mit so
genannten Reiseschutzpässen eingereist sind», sagte der
Experte. Auch bei der Zahl der tatverdächtigen Ukrainer gebe
es «keine gravierenden Veränderungen, die die Behauptung
rechtfertigen, dass die Visa-Erlasse zu einem dramatischen Kriminalitätsanstieg
geführt hätten».
Durch die Affäre hat Fischers Ansehen gelitten. Nachdem sein
Imagewert im Januar noch bei 1,6 gelegen habe, sei er nun auf einen
«Durchschnittswert» von 0,8 und damit auf Rang zwei
hinter Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU)
abgerutscht, berichtete das ZDF. Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl
wäre, würde Fischers Partei den Angaben zufolge neun Prozent
erreichen und damit im Vergleich zum Vormonat einen Punkt abgeben.
(Weitere Quellen: Kiefer in der «Leipziger Volkszeitung»;
Roth und Sandig im Berliner »Tagesspiegel")
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