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Freitag 24. Juni 2005, 00:07 Uhr
Prostituierte in Sorge um Familien in Polen

Hildesheim/Halle (24.06.05). Wegen schweren Menschenhandels, Zuhälterei und Ausbeutung von Prostituierten sitzen Mutter (49) und Tochter (29) aus Halle seit dem 23. Februar auf der Anklagebank der 16. Großen Strafkammer des Landgerichts Hildesheim (der TAH berichtete). Es ist ein Prozess, in dem auch Merkwürdigkeiten eine Rolle spielen. Zum Beispiel, dass der Ehemann und Vater, der noch auf seinen Prozess wartet, im Zuhörerraum sitzt.

Das Vorstrafenregister der Mutter verzeichnet 17 Eintragungen: Beleidigungen, Meineide, Betrügereien, Hehlereien, schwerer und einfacher Diebstahl, Körperverletzungen, gefährliche Körperverletzungen, falsche uneidliche Aussagen. Manche Vorstrafen weisen ungewöhnlich lange Bewährungszeit aus, die oft widerrufen wurden.
Die Tochter hat einen Verteidiger aus Göttingen an ihrer Seite, die Mutter neben dem Pflichtverteidiger, zwei Wahlverteidiger in wechselnder Besetzung aus Hameln, Duderstadt und Hannover. Mutter -Kaugummi kauend - und Tochter überlassen das Reden ihren Anwälten. Die stellen immer neue Beweisanträge, um die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen zu erschüttern.
Zwei Hauptzeuginnen, betreut im Zeugenschutzprogramm, und in Sorge um ihre Familien in Polen, stützen die Anklage. Danach sollen sie mit Drohungen und Schlägen zur Prostitution in rollenden Bordellen gezwungen worden sein. Die Preise waren festgesetzt, die täglichen Einnahmen mussten zum Teil fast vollständig abgegeben werden. Frauen, mit Versprechungen aus Polen importiert, sollten auch durch Scheinehen ihren Aufenhalt in der Bundesrepublik legalisieren. In einem Fall sollten 10.000 Euro für „Betriebsausgaben“ abgearbeitet werden.
Das Treiben - auch noch mit anderen Frauen aus Osteuropa - endete mit einer spektakulären Polizeiaktion. Die Ermittlungsgruppe „Herzblatt“ mit ihrem Leiter Oberkommissar Bodo Mathias - unterstützt von Bereitschaftspolizei, Zoll- und Steuerfahndung, Sprengstoff- und Rauschgifthunden - durchsuchte mit rund 100 Beamten im Sommer letzten Jahres Grundstücke und Häuser in Halle, Kreipke, Levedagsen, Kirchbrak und Salzhemmendorf. Mutter und Tochter sitzen seitdem in Hildesheim und Hannover in Untersuchungshaft. Einen Antrag der Verteidigung auf Haftverschonung lehnte die Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Andreas Schlüter ab. Derweil nimmt der Ehemann und Vater, der auf seinen eigenen Prozess wartet, mit der zweiten Tochter an jedem Verhandlungstag im Zuhörerraum Platz. Unbehelligt verfolgt er den Prozeß, weiß ungefähr, was auf ihn zukommen könnte. Wie sich die Zeuginnen fühlen, wenn sie den Chef des Familien-Clans im Zuhörerraum entdecken, wird vor Gericht nicht erörtert.
Der Clan-Chef nutzt die im Gerichtssaal gewonnenen Informationen und ruft am Sonnabend einen Polen in dessen Heimatort an, weil der etwa zwei Jahre mit einer wichtigen Zeugin in Kreipke zusammen lebte: „Sie macht ein Problem. Kannst Du kommen?“ Sie, das ist eine junge Frau, eine wichtige Belastungszeugin der Anklage, die im Zeugenschutzprogramm lebt.
Der 30-Jährige ist prompt am Montag bei einem der Verteidiger in Hannover. „Wie sind Sie Zeuge geworden“ und: „Wem dachten Sie, einen Gefallen zu tun?“ fragt ihn der Richter. Der arbeitslose Pole lässt einen Dolmetscher übersetzen. Er hatte auf Kosten der Prostituierten gelebt. Sie finanzierte seinen Lebensunterhalt nebst Telefon, Heimreise und Taschengeld.
Nach rund einem Dutzend Verhandlungstagen meinte der Vorsitzende Richter, der Prozess habe eine „gewisse Entscheidungsreife“. Er will das Verfahren von vier auf die zwei Prostituierte - „Schwergewichte“ - beschränken, die im Zeugenschutzprogramm sind. Nun zieht ein Strafverteidiger vier, ein anderer fünf neue Beweisanträge aus der Tasche. Die Strafkammer lehnt sie ab. Schlüter setzt vorsichtshalber weitere Verhandlungstage an. Der Clan-Chef sitzt weiter zu Haus, Mutter und Tochter schmoren weiter in Untersuchungshaft.

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(Quelle: tah.de)

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