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Mittwoch
19. Januar 2005, 12:48 Uhr
Bordell-Bilder als Keimzelle der Moderne
Tübingen
(dpa) - Nackte Frauen zeigen sich in der Kunst seit der Antike -
sei es beim Baden oder in erotischen Posen auf dem Bett. Wer beim
Betrachten auf schmutzige Gedanken kam, tat bis ins 19. Jahrhundert
gut daran zu schweigen. Groß war die Aufregung, als vier Künstler
begannen, männliche Fantasien erstmals auf die Leinwand zu
bannen, in dem sie die Frauen als Prostituierte zeigten und Freier
hinzumalten.
Den Skandal, den Paul Czanne, Edgar Degas, Henri de Toulouse-Lautrec
und Pablo Picasso provozierten, nutzen sie, um ihren revolutionären
Stil bekannt zu machen. Erstmals widmet sich nun eine eigene Ausstellung
ihren Bordellbildern. Von diesem Samstag an sind sie - bis 22. Mai
- in der Kunsthalle Tübingen zu sehen.
«Bordell
und Boudoir» zeigt 177 aus Museen in aller Welt zusammen getragene
Werke. Die Beischlaf-Szenen, wartenden Huren oder sich pflegenden
Frauen schockieren heute wohl nur noch die wenigsten Zuschauer.
Vor etwas mehr als einem Jahrhundert war das anders. «Die
vier Künstler waren mit die ersten, die einen realistischen
Blick auf nackte Frauen warfen und sie nicht in idealisierter Form
etwa als Göttinnen, sondern desillusionierend als ausgezogene
Nackte darstellten», erklärt Ausstellungsmacher Götz
Adriani. Zusammen mit den Landschaftsmalereien der Impressionisten
seien ihre Bordell- Bilder eine Keimzelle der modernen Kunst gewesen.
Czannes Gemälde,
auf denen in der Kunst erstmals ein Freier neben einem Akt auftaucht,
fallen auch wegen ihrer kräftigen Farben und wilden Pinselstriche
auf. «Die Akte sind bei ihm, aber auch bei Degas und Toulouse-Lautrec,
in hohem Maße deformiert und fragmentiert», erklärt
Adriani. Der klinische Blick auf die ruchlosen, oft hässlichen
Frauen sei zudem in der Kunst neu gewesen. Picasso wählte bei
seinem weltberühmten Bordell-Bild «Demoiselles dAvignon»
erstmals die kubistische Darstellungsform. «Es war damals
ein ungeheurer kunsthistorischer Schritt, den abstoßenden
Inhalt mit einer abstoßenden Form zu verbinden», sagt
Adriani.
Das Thema Bordell
verband die vier Pariser Künstler nicht zufällig. Die
Metropole befand sich zum Ende des 19. Jahrhunderts in einem gewaltigem
Umbruch; der von Napoleon III. begonnene Stadtumbau zog ein riesiges
Bau-Proletariat an. Die mitgereisten Frauen verdingten sich mangels
anderer Verdienstmöglichkeiten oft als Huren. Ein Besuch im
billigen Bordell oder mondänen Boudoir mit Edelkurtisanen gehörte
je nach Schicht zum Alltag. «Das spielte damals eine kaum
mehr vorstellbare Rolle im gesellschaftlichen Leben», sagt
Adriani, «das wurde von Napoleon sogar zur Förderung
des Tourismus beworben.» Analog zur geringen Rolle der Prostitution
in der heutigen Gesellschaft ist nach seiner Einschätzung das
Thema aus der zeitgenössischen Kunst verschwunden.
Auf vielen Bildern
sind auch Verzweiflung und Not der Frauen erkennbar. «Um die
soziale Frage ging es den vier Künstlern allerdings überhaupt
nicht, das taucht erst in den 1920ern bei Otto Dix und George Grosz
auf», erläutert Adriani. Czanne und Toulouse- Lautrec
zeigten sich vor allem als nüchterne Beobachter. Bei Degas
spielen die Wunschvorstellungen des armen Künstlers eine wichtige
Rolle. Und Picasso verband laut Adriani «die Lust am Koitus
mit der Angst vor dem Exitus, etwa durch Geschlechtskrankheiten.»
(Internet: www.kunsthalle-tuebingen.de)
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