Donnerstag
7. April 2005, 18:31 Uhr
Fischer übernimmt erneut Verantwortung
für die Visa-Affäre
Berlin/Essen (AP) Bundesaußenminister Joschka Fischer hat
erneut die Verantwortung für die Visa-Affäre übernommen.
«Ich stehe zu meinen Fehlern», sagte Fischer beim Wahlkampfauftakt
der nordrhein-westfälischen Grünen am Donnerstag in Essen.
Trotz des Drucks durch die Affäre kann sich Fischer nach Aussagen
seines Staatssekretärs Jürgen Chrobog voll auf die Loyalität
seines Ministeriums verlassen. Von einer Krise könne keine
Rede sein, sagte Chrobog.
Fischer betonte in der Essener Lichtburg: «In den Jahren
2000 bis 2002 hätte ich in Kiew früher und entschlossener
eingreifen müssen.» Zu Berichten, nach denen der Visa-Missbrauch
auch nach 2002 angedauert haben soll, bezog der Grünen-Politiker
nicht Stellung. Er sagte lediglich, in der Medienberichterstattung
sei «manches richtig und manches nicht». Der Opposition
warf Fischer vor, die Visa-Affäre ausschließlich parteipolitisch
zu nutzen, um die Menschen in Angst zu versetzen.
Chrobog, der bereits unter den Außenministern Walter Scheel
und Hans-Dietrich Genscher diente, sagte in N24: «Dieser Dienst
hat immer loyal gestanden zu einem Minister, egal aus welcher Partei
er kam.» Dies müsse so bleiben.
Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth sagte der «Leipziger
Volkszeitung» vom Donnerstag, sie habe es «nie für
möglich gehalten, dass Grüne allen Ernstes für Menschenhandel
und Zwangsprostitution verantwortlich gemacht werden sollen».
Roth warf der Union vor, mit entsprechenden Aussagen im Visa-Ausschuss
eine «inszenierte Skandalisierung» zu betreiben.
Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion setzte parallel zu den Anhörungen
im Visa-Ausschuss eine Veranstaltung zur Zwangsprostitution an.
Danach findet einen Tag vor der geplanten Anhörung des früheren
Staatsministers Ludger Volmer (Grüne) im Reichstag das Symposium
«Zwangsprostitution wirksam bekämpfen» mit zahlreichen
Rednern statt, darunter die CDU-Vorsitzende Angela Merkel.
In der Ankündigung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für
das Symposium am 20. April heißt es: «Die Einreisepolitik
von Bundesaußenminister Fischer (Fischer/Volmer-Erlass: «Im
Zweifel für die Reisefreiheit») hat seit dem Jahr 2000
die Tore für Menschenhändler nach Deutschland weit geöffnet.
Frauen und Mädchen wurden unter Ausnutzung ihrer Hoffnungen
auf ein besseres Leben und mit offiziellen Touristenvisa von den
Menschenhändlern nach Deutschland gebracht und unter anderem
zur Prostitution gezwungen.»
Der Visa-Untersuchungsausschuss setzt seine Anhörungen in
einer Woche fort. Auf der Zeugenliste stehen nach der offiziellen
Tagesordnung vier Mitglieder des Referats Visa-Grundsatzfragen des
Auswärtigen Amts. Die Vernehmung von Fischer selbst ist für
den 25. April geplant. Über eine TV-Übertragung der Vernehmung
ist noch nicht entschieden. Der Unions-Obmann im Ausschuss, Eckart
von Klaeden, nannte eine Übertragung «eher unwahrscheinlich»,
da bei den Befragungen meist auf Geheimakten zurückgegriffen
werden müsse.
Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer sagte der «Saarbrücker
Zeitung», er sehe Joschka Fischers Aussage im Untersuchungsausschuss
positiv entgegen. Fischer habe Fehler eingestanden und korrigiert.
Aufklärungsbedarf gebe es aber auch darüber, was «in
der Öffentlichkeit an falschen Behauptungen herumgeistert».
zurück
|