Freitag
3. Juni 2005, 20:17 Uhr
Bordell-Chefin auf der Anklagebank: Nur die
Strohfrau?
Seit gestern steht eine 53 Jahre alte Frau vor dem Landgericht.
Sie soll dem Fiskus eine halbe Million Euro Einnahmen aus einem
Bordellbetrieb verschwiegen haben.
Wuppertal. Die Geschäfte an der Ronsdorfer Straße liefen
eigentlich ganz gut. Die Herren konnten je nach Lust und Laune am
Tag oder auch in der Nacht kommen. Es war immer jemand da. So ist
das im Rotlicht: Schichtbetrieb rund um die Uhr. Die Frage ist nur:
Wer war verantwortlich für die finanztechnische Seite des gut
gehenden Bordell-Betriebes an der Ronsdorfer Straße?
Um eine Antwort bemüht sich seit gestern die Wirtschaftsstrafkammer
des Landgerichts. Auf der Anklagebank sitzt eine 53 Jahre alte Frau.
Sie soll von 1994 bis 2001 den Fiskus um sage und schreibe 729 000
Euro geprellt haben.
Doch welche Funktion hatte die Dame seinerzeit in dem Etablissement?
Für Verteidigerin Andrea Groß-Bölting war die 54-Jährige
lediglich die Strohfrau. Die Geschäfte habe ihr damaliger ebenfalls
angeklagter Ehemann geführt. Ein nicht unerhebliches Problem,
denn die Frau ist seit Ende des vergangenen Jahres Witwe. Ihn kann
man nicht mehr fragen, wie das damals war.
Also werden zwei frühere "Mitarbeiterinnen" des
Betriebes in den Zeugenstand gebeten. Die Damen geben freimütig
Auskunft. Eine halbe Stunde kostete damals 100 Mark. Die Gebührentabelle
wurden vom Haus vorgeschrieben. "Über die Preise wurde
ich von den Mädchen aufgeklärt. Ich habe mich da wohl
gefühlt", sagt die eine Zeugin. Die andere hat mit dem
Rotlicht offenbar Schluss gemacht, arbeitet mittlerweile weit weg
von Wuppertal als Tagesmutter. Sie kann sich nicht mal mehr an ihren
früheren "Arbeitsnamen" erinnern: "Anja?"
fragt sie sich vor Gericht.
Das ist ja auch nicht so wichtig. Es geht ums Geld. Und da sagen
die beiden Frauen ziemlich übereinstimmend aus. Demnach wurde
nach jedem Freier das Geld dem Chef des Hauses gegeben. Zur Aufbewahrung
in einem Safe. Nach der "Schicht" wurde dann brüderlich
geteilt. Jeder Kunde fifty-fifty. Am Tag verdienten die leichten
Mädchen zwischen 150 und 300 Mark.
Die Angeklagte nickt leise dazu. Es sieht gar nicht schlecht aus.
So sagt Richter Helmut Leithäuser zwar: "Es sind schon
viele angebliche Strohfrauen von diesem Gericht wegen Steuerhinterziehung
verurteilt worden." Gleichzeitig rechnet er aber eine wesentlich
geringere Summe als die in der Anklage aufgeführte aus: statt
729 000 Euro sind es "nur" rund 472 000 Euro.
Dann widmet sich das Gericht dem Vorleben der Angeklagten. Einst
wollte sie Altenpflegerin werden. Irgendwie wurde es dann doch das
horizontale Gewerbe. Seit 1988 hat sie regelmäßig mit
der Justiz zu tun. Verurteilungen wegen Zuhälterei in den 80er
und 90er Jahren stehen in den Akten.
Derzeit sitzt die 53-Jährige eine zweieinhalbjährige
Haft wegen Drogenbesitzes ab. Sie lebt im Sauerland, verkauft Kunstgewerbe,
schreibt Gedichte. Mit dem Bordell hat sie nichts mehr zu tun.
Verteidigerin Groß-Bölting sagt, dass ihre Mandantin
depressiv und zwischenzeitlich Selbstmord-gefährdet war. Zwei
Jahre habe sie ihre Wohnung nicht verlassen: "Sie war nicht
in der Lage, unternehmerisch tätig zu sein."
Richter Leithäuser hält dagegen. Immerhin habe die Frau
seinerzeit die Verhandlungen mit der Steuerberaterin geführt.
Die wird allerdings nicht als Zeugin aussagen. Die mutmaßliche
Bordell-Chefin will sie nicht von ihrer Schweigepflicht entbinden.
Der Prozess wird fortgesetzt.
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(Quelle: wz-newsline.de)
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