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Dienstag 3. Mai 2005, 16:06 Uhr
Der Pate von Neuruppin

Neuruppin (AP) Die preußischste aller preußischen Städte sei Neuruppin, sagt der Bürgermeister der brandenburgischen Stadt, Jens-Peter Golde. Sie ist ein Flächendenkmal des Frühklassizismus am stillen Ruppiner See, Theodor Fontane und Karl Friedrich Schinkel wurden hier geboren. Beschaulich geht es zu in den streng rechtwinklig angeordneten Straßen. Seit knapp neun Monaten aber erregt die 24.000 Einwohner ein Fall von organisierter Kriminalität, dessen Ausmaß an sizilianische Verhältnisse erinnert. Am Dienstag begann der Prozess.

Immer wieder macht das Wort «Mafia» die Runde auf den Fluren des örtlichen Landgerichts, untergebracht in einer der vielen wilhelminischen Kasernen der Stadt. In der mehr als 8.600 Seiten starken Prozessakte geht es um die Bildung einer kriminellen Bande mit Verbindungen in beste Kreise der Stadt, Drogenhandel im großen Stil, Prostitution, illegales Glücksspiel und Beamtenbestechung. Körperverletzung sowie unerlaubter Waffenbesitz gehören angesichts der anderen Vorwürfe fast schon zu den kleineren Delikten.

Besonders brisant sind die Verbindungen der neun Angeklagten zwischen 30 und 43 Jahren ins Neuruppiner Rathaus. Der mutmaßliche Bandenchef Olaf K. saß für die CDU im Stadtparlament und dort im Finanz- und Rechnungsprüfungsausschuss. Unter anderem soll der «Pate von Neuruppin» laut Anklage den Leiter des Neuruppiner Liegenschaftsamtes bestochen haben, um günstig an städtische Grundstücke zu kommen. Auch an eine Mitarbeiterin des Gewerbeamtes soll Geld geflossen sein. Die städtischen Bediensteten sind bereits wegen Bestechlichkeit verurteilt und entlassen, der Mann vom Liegenschaftsamt hat jedoch Berufung eingelegt.

Ermittelt wurde auch gegen den Mitte 2004 ausgeschiedenen Bürgermeister und heutigen PDS-Landtagsabgeordneten Otto Theel. Zu den insgesamt mehr als 100 ins Visier der Fahnder geratenen Personen gehörten außerdem ein Polizist und diverse Unternehmer.

Mehrere Millionen Euro sollen seit 1997 in die Kassen der Bande geflossen sein, die sich laut Anklage intern «Familie» nannte. Ebenfalls an die Mafia erinnerten die Siegelringe, die sich die vier Hauptangeklagten K., Carsten O., Jürgen D. und Frank G. als Zeichen ewiger Freundschaft anfertigen ließen, wie Staatsanwalt Kai-Uwe Scholz sagte. Für ihre teuren Limousinen orderten sie Kennzeichen mit «XY» nach dem «OPR» für Ostprignitz-Ruppin - die Neuruppiner sprechen deshalb von der «XY-Bande».

Mindestens 1,4 Millionen Euro scheffelte diese der Anklage zufolge aus dem Rauschgifthandel in mehr als 250 Fällen. Die Ermittler gehen davon aus, dass der seit Mitte der 90er Jahre aktive Clan mindestens fünfzig Kilo Kokain aus den Niederlanden, kiloweise Marihuana und zehntausende Ecstasy-Pillen verkauft hat. Eine weitere Million brachte laut Staatsanwalt der Betrieb von sechs illegalen Spielsalons in verschiedenen Bundesländern ein. Dazu kamen Einnahmen aus der Prostitution osteuropäischer Frauen, die illegal in Deutschland lebten.

Vor Gericht treten die vier mutmaßlichen Rädelsführer adrett, frisch frisiert und glatt rasiert auf. Als «nette Jungs» werden die zwei Kaufmänner und zwei Handwerker beschrieben. Bei anderen Angeklagten ist dagegen deutlich zu erkennen, dass sie in der Hierarchie eher fürs Grobe zuständig waren. Die 18 Verteidiger bombardieren das Gericht zunächst mit Dutzenden Anträgen, die einen Vorgeschmack auf das vor der Ersten Strafkammer liegende Mammutverfahren geben. Beobachter rechnen mit einer Prozessdauer von mehr als einem Jahr.

«Kleinstadt-Al-Capone» K. hatte sich im Laufe der Jahre zu einem regelrechten Wirtschaftsfaktor für die Stadt entwickelt. Er kaufte alte Häuser und ließ sie sanieren, spendete für wohltätige Zwecke, förderte einen örtlichen Fußballklub und wollte gemeinsam mit dem Neuruppiner CDU-Chef auf einem alten Fabrikgelände am Ruppiner See einen Yachthafen bauen. Vermutlich deshalb wurde er nur wenige Wochen nach seinem Eintritt in die CDU im Sommer 2003 als Kandidat für die Stadtverordnetenversammlung aufgestellt - und prompt gewählt.

Allerdings ist immer wieder zu hören, die dubiosen Aktivitäten der Bande seien in der Stadt weit bekannt gewesen. Bürgermeister Golde, erst seit anderthalb Monaten im Amt, fragt: «Wie war es möglich, dass sich diese kriminelle Vereinigung unter unseren Augen entwickeln konnte?» Mittlerweile hat die Stadt immerhin einen Antikorruptionsbeauftragten.

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