Mittwoch
28. Juli 2004, 11:04 Uhr
Sexshops, Strich und dunkle Spelunken - Geführte
Stadtrundgänge durch das Herzstück von Hamburgs sündiger
Meile
Hamburg (ddp-nrd). Leicht bekleidete Mädchen stehen reihenweise
an der Straße. Aufreizend und sexy versuchen sie, vorbeiziehende
Herren zum Mitkommen zu überreden - kostenpflichtig, versteht
sich. Enge Gassen und zwielichtige Kneipen prägen das Bild
auf dem Hamburger Kiez. Nur selten verirren sich Touristen oder
brave Hanseaten in die kleinen Seitenstraßen rund um die Reeperbahn
in St. Pauli. Wer trotzdem neugierig ist und mehr über Prostitution
und Seeleute sowie Rot- und Blaulicht erfahren möchte, kann
sich einer geführten Tour des Vereins «Kurverwaltung
St. Pauli» anschließen.
Gleich am Anfang gilt es, mit Vorurteilen aufzuräumen. «Auf
St. Pauli wird niemand gleich erschossen. Wirklich gefährlich
sind nur die vielen Hundehaufen», sagt Tarik Bicer und beruhigt
die Gruppe, die sich zur Führung eingefunden hat. Der Student
ist einer von acht «Kurschatten» des Vereins, der jährlich
tausenden Interessierten die bekannten und unbekannten Ecken von
Hamburgs sündiger Meile zeigt. Dazu erzählt er aus der
Geschichte des berühmten Stadtteils.
Doch allzu trocken soll der Rundgang nicht werden. Zum «Aufwärmen»
gibt es deshalb ein Bierchen an der Bar des «Silbersack»,
stilecht aus der Flasche. In der 1949 eröffneten Kneipe ist
der Gerstensaft sogar zum ungewöhnlichen St.-Pauli-Preis von
unter zwei Euro erhältlich. Die lockeren Sprüche der Hamburger
Originale am Tresen dazu sind gratis. «Allein wäre ich
in diese Lokalität wohl kaum gegangen. Aber es hat sich gelohnt»,
sagt Hamburg-Touristin Pia Häflinger-Chen (50) aus dem schweizerischen
Luzern.
Die Nachfrage nach den geführten Kiez-Touren ist groß
und zieht Touristen aus aller Herren Länder an. Aber auch Einheimische
schließen sich regelmäßig an. Jens Wolfsen aus
Hamburg will den Teil seiner Heimatstadt entdecken, den er bisher
kaum kennt. «Wenn man verheiratet ist und Kinder hat, bummelt
man ja nur noch höchst selten über die Reeperbahn»,
sagt der 63-Jährige. Da biete sich eine Führung in der
Gruppe an.
Nicht fehlen im Rundgangs-Programm darf die Herbertstraße,
Hamburgs wohl bekanntester Sündenpfuhl. Für Frauen ist
der Zutritt strengstens verboten, die männlicher Teilnehmer
lassen sich einen Blick auf die leicht bekleideten Damen in den
Fenstern aber nicht nehmen. Gemeinsam geht es dafür anschließend
in einen Sexshop. «Niemand sollte Hemmungen haben. Es ist
einfach witzig, was aus Plastik so alles hergestellt wird»,
sagt Bicer.
Dass der Kiez jedoch weit mehr zu bieten hat als Sex und Kneipen,
erfahren die Besucher bei einem Abstecher zur St. Pauli-Kirche.
Bis vor kurzem lag auch das Geburtshaus des Tierpark-Gründers
Carl Hagenbeck auf dem Weg der Gruppe. Heute ist dort aber nur noch
der Abrissbagger zu bewundern. «Leider verschwindet immer
mehr vom alten St. Pauli», sagt der 28-jährige Stadtführer.
Auch an den Star-Club, in dem in den 60er-Jahren unter anderem die
Beatles spielten, erinnert nur noch ein Gedenkstein in einem Hinterhof.
In Gedanken an die «Fab Four» endet die geführte
Kiez-Tour nach zwei Stunden auch in der Kneipe «Bei Gretel
& Alfons». Hier gönnten sich schon die Jungs aus
Liverpool nach ihren Auftritten so manches Feierabendbierchen. Jetzt
ist Klönschnack mit Open End für den harten Kern der Gruppe
angesagt. «Ich war mit einigen Touren schon bis 1.00 Uhr nachts
unterwegs», sagt Bicer. Und wer dann noch immer nicht genug
vom Kiez hat, für den hat der «Kurschatten» gerne
noch so manchen persönlichen Geheimtipp auf Lager.
Die
Touren der «Kurverwaltung St. Pauli» starten immer dienstags,
donnerstags und samstags um 20.00 Uhr. Treffpunkt ist die U-Bahn-Station
St. Pauli, Ausgang Reeperbahn. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich,
als Bezahlung wird eine Spende für soziale Zwecke erwartet.
Weitere Informationen auch im Internet unter www.kurverwaltungstpauli.de.
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