Montag
19. April 2004, 14:59 Uhr
Safer Sex verkauft sich nicht - Deutsche Pornobranche
vom Aids-Skandal in den USA unbeeindruckt - Keine Kondome bei Filmdrehs
Berlin (ddp). In der US-Pornofilmbranche geht die Angst um: Ein
HIV-positiver Darsteller hat vielleicht Dutzende Filmpartnerinnen
angesteckt - und die womöglich wieder viele andere Partner.
Zwei Monate lang sind alle Porno-Drehs abgesagt. In Deutschland
wird weiter produziert - ohne Kondom. Das große Problem: Safer-Sex-Filme
verkaufen sich nicht. Im Gegensatz zu Frankreich: Dort sind bei
allen Drehs Präservative vorgeschrieben, weil die Filme auch
in manchen Fernsehsendern gezeigt werden.
Nach Angaben von Klaus Goldberg, Sprecher der Essener Pornoproduktionsfirma
Magmafilm, gibt es für die Darsteller sehr genaue Vorschriften:
«Sie müssen einen negativen HIV-Test vorlegen, der nicht
älter als zehn Tage ist und gleiche Testergebnisse für
Hepatitis A,B und C. Können sie das nicht, werden sie gar nicht
erst für einen Dreh zugelassen.»
Dennoch bleibe «ein Restrisiko für die Darsteller»,
räumt Goldberg ein. Das sei nach seiner Ansicht aber geringer,
«als wenn man in einer Diskothek eine fremde Person trifft
und mit ihr ungeschützten Sex hat». Goldberg, der nach
eigenen Angaben «seit 20 Jahren in der Branche arbeitet»,
hat noch «keinen Fall einer Aids-Ansteckung durch Pornodarsteller
in Deutschland» erlebt.
Bei Deutschlands größtem Vertreiber für Pornofilme,
der Flensburger Beate Uhse AG, verweist man beim Thema Aids-Risiko
der Darsteller auf die Produzenten: «Wir können nur mit
solchen Filmen handeln, die auf dem Markt gewünscht sind, und
das sind keine Filme, in denen Kondome benutzt werden», sagt
Unternehmenssprecherin Assis Tschernookoff. «Selbst wenn wir
Safer-Sex-Filme verkaufen wollten - es gäbe sie gar nicht.»
Eine weitere Tatsache, die bei Aufklärungsstellen nur Kopfschütteln
auslöst, ist der zeitliche Abstand zwischen dem Datum des HIV-Tests
und der vermeintlichen Unbedenklichkeit, die aus dem Testergebnis
gefolgert wird. In den Infobroschüren der Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung (BZgA) kann jeder nachlesen, dass
ein «negatives» Testergebnis (keine HIV-Antikörper
nachgewiesen) nur dann aussagekräftig ist, «wenn das
letzte Infektionsrisiko mindestens drei Monate zurückliegt».
Dass in diesen drei Monaten weitere Risikokontakte erfolgt sein
können, steht in keinem Aids-Test.
Bei der Deutschen Aids-Hilfe (DAH) betrachtet man die Vorkommnisse
in den USA und auch in Deutschland skeptisch: «Das Privatleben
der Darsteller ist meist nicht bekannt. Wenn zum Beispiel jemand
zwischen den Drehs in der Prostitution arbeitet und dabei oder auch
sonst ungeschützten Verkehr hat, kontrolliert das niemand»,
sagt DAH-Mitarbeiter Rainer Schilling.
In der Schwulenpornobranche seien Drehs ohne Kondome kaum denkbar.
«In Deutschland ist Safer Sex in diesem Bereich der Szene
der Standard», sagt Schilling. Allerdings sei nicht ausgeschlossen,
dass «im Zuge der allgemein zunehmenden Sorglosigkeit vor
Aids-Risiken» die Vorsicht auch in der Sexfilmindustrie abnehme.
In Deutschland gibt es nach Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums
keinerlei gesetzliche Gesundheitsvorschriften für die Darsteller
von Sexfilmen. «Informationen über die Risiken erfolgen
durch die Aufklärungskampagnen der Bundeszentrale und Aids-Beratungen»,
sagt eine Sprecherin auf ddp-Anfrage.
Auch
für Prostituierte, die sich früher noch eine gesundheitliche
Unbedenklichkeitsbescheinigung beim Amtsarzt holen mussten, gelte
seit dem 1. Januar 2001 mit dem Infektionsschutzgesetz das «Prinzip
der Eigenverantwortung». Bei angestellten Prostituierten könne
beispielsweise der Bordellbetreiber für eine entsprechende
Untersuchung sorgen.
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