Montag
12. April 2004, 09:00 Uhr
Aus für sächsische Aktion gegen Prostitution
hinter der Grenze
Dresden (AP) Sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern, ja sogar
Babys, ist im tschechischen Grenzgebiet an der Tagesordnung. An
der Grenze zu Sachsen gibt es viele Orte und Landstraßen,
wo es passiert. Jahrelang hatte die sächsische Staatsregierung
vier Street-Worker-Projekte gefördert, um die Prostituierten
auf der tschechischen Seite über die Aids-Gefahr aufzuklären
und ihnen beim Ausstieg zu helfen. Jetzt ist damit endgültig
Schluss - das Geld fehlt.
Das letzte Projekt namens «KARO» mit Sitz in Plauen
läuft am 12. Juni aus. Die anderen drei Projekte waren schon
vor zwei Jahren ebenfalls mit Geldmangel als Begründung aufgegeben
worden.
Die Referentin für öffentliches Gesundheitswesen im sächsischen
Sozialministerium, Heidrun Böhm, erklärt: «Die Förderung
durch die Europäische Union läuft aus und damit endet
auch die Finanzierung aus Sachsen.» Dabei haben die Sozialarbeiter
aus Plauen hochmotiviert und engagiert gearbeitet. Auch das Ministerium
bescheinigt ihnen 70 bis 80 Stunden Einsatz pro Woche.
Pfarrerin Angela-Beate Petzold von der Diakonie Sachsen kann die
Entscheidung zur Beendigung von «KARO» nicht nachvollziehen.
Sozialarbeit und Gesundheitsfürsorge müssten entlang der
Grenze verlässlich und kontinuierlich angeboten werden, meint
sie.
«KARO»-Projektleiterin Cathrin Schauer will deshalb
einen neuen Antrag auf Förderung ihres Projekts stellen. Wie
brutal die Prostituiertenszene ist, hat sie in dem Buch «Kinder
auf dem Strich - Bericht von der deutsch-tschechischen Grenze»
beschrieben. Herausgegeben wurde das Buch von der deutschen Sektion
des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF).
Schauer berichtet von Zwangsprostitution und von Gewaltanwendung
deutscher Sextouristen. Es komme vor, dass Freier auf den Straßenstrich
führen, um Frauen zu vergewaltigen. Das wüssten die Sozialarbeiter
infolge ihrer Arbeit in der Szene. Es gebe sogar Kinder, die von
ihren Eltern den Freiern angeboten würden.
Ihr Buch habe immerhin dazu geführt, dass in Tschechien das
Problembewusstsein für dieses Tabuthema gewachsen sei, sagt
Cathrin Schauer. Auch das sächsische Landeskriminalamt sieht,
dass auf tschechischer Seite energischer gegen die Prostitution
vorgegangen wird als früher. Das führe dann aber dazu,
dass der Frauenhandel auf sächsischer Seite zunehme, heißt
es. Menschenhändler versuchten beispielsweise, Frauen im Großraum
Chemnitz anzubieten, sagte LKA-Sprecher Lothar Hofner.
Nach Erkenntnissen von Böhm haben Pädophile Netzwerke
im Internet aufgebaut. Petzold spricht von einem schlimmen Thema.
Hier dürfe sowohl bei der Vorbeugungsarbeit als auch bei der
Strafverfolgung nicht nachgelassen werden. Christian Schneider,
Sprecher von UNICEF Deutschland, verweist auf eine Unterschriftenaktion
seiner Organisation gegen die Ausbeutung von Kindern.
Jeder einzelne Fall von Kindesmissbrauch und Kinderprostitution,
der aus dem tschechischen Grenzgebiet bekannt werde, sei schlimm
genug, meint Schneider. Über das genaue Ausmaß könne
man jedoch nichts sagen. Ein großes Problem bei der Strafverfolgung
sei nach wie vor, dass es kaum vor Gericht verwertbare Aussagen
gebe, weil die Opfer Angst hätten, gegen die Zuhälter
und Menschenhändler aufzutreten.
http://www.karo-sozialprojekt.de
http://www.unicef.de
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