Mittwoch
11. August 2004, 11:34 Uhr
Von 100 Mark auf 20 Euro - Prostituierte in
Berlin fürchten geplantes Großbordell und schlechte wirtschaftliche
Lage
Berlin (ddp-bln).
Berlins Huren sind in Sorge: Das erste Großbordell der Stadt
könnte schon bald die Existenz kleiner Erotikbetriebe bedrohen.
«Davon gibt es in Berlin hunderte, und es gibt sie über
das ganze Stadtgebiet verteilt», sagt Stephanie Klee, Vorsitzende
des Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen (BSD) und als Prostituierte
in der Hauptstadt selbst im Gewerbe.
Wie tausende
anderer Frauen empfängt Stephanie Klee die Freier in einer
Wohnung. Die hat sie eigens für den Job angemietet. Aufmerksam
werden die Männer auf die 44-Jährige vor allem durch Kontaktanzeigen
in der Boulevardpresse und in einschlägigen Magazinen. Laufhäuser,
wie Großbordelle im Jargon genannt werden, findet Klee in
Ordnung - wenn es in der Stadt einen Sperrbezirk gibt. Den aber
hat Berlin nicht. «Ein Laufhaus in Berlin ist für selbstständige
Prostituierte das, was ein Einkaufscenter auf der grünen Wiese
für die kleinen Einzelhändler ist», sagt Klee.
Der Erotiktempel,
für den das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf im Frühjahr
die Baugenehmigung erteilt hat, soll zwischen Eisen- und Autobahn
an der Halenseestraße entstehen und auf 3200 Quadratmetern
58 Zimmer, einen Kontakthof und diverse Wellnessoasen bieten. Die
Bauarbeiten «gehen wie geplant voran», sagt Architekt
Martin Schönfeld. Im nächsten Herbst soll das Lusthaus
fertig sein.
Die kleinen
«Läden» in der Hauptstadt stellen sich auf eine
zwei- bis dreimonatige Durststrecke ein. «Wenn das Laufhaus
eröffnet wird, kommen eine Weile keine Kunden zu uns»,
sagt Klee. Sicher ist sie, dass das vorüber geht. «Ein
Großbordell ist nicht anonym genug. Da begegnen sich die Freier
auf dem Flur, das ist nicht jedermanns Sache», erinnert sie
sich an ihre eigene Zeit im Laufhaus.
Doch auch wenn
das Erotikcenter auf dem Weg zur Vollendung noch sterben würde
- das Berliner Sexgewerbe ist kein Spielplatz. «Die Rezession
geht an der Prostitution nicht vorbei», sagt Stephanie Klee,
seit mehreren Jahrzehnten im Geschäft und nach eigenem Bekunden
gerne Hure. «Die Freier kommen seltener, die Preise für
die Dienstleistungen sind drastisch zurückgegangen. Was noch
vor ein paar Jahren 100 Mark kostete, liegt heute bei 20 Euro.»
Wer selbstständig, aber nicht auf dem Straßenstrich arbeitet,
muss an die hauptstädtische Yellow Press bis zu 35 Prozent
höhere Anzeigenpreise zahlen als noch vor zwei, drei Jahren.
Ärger mit
den Behörden ist für die Damen des horizontalen Gewerbes
auch nach Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes kein Ausnahmezustand.
«Das Legalisierungsgesetz hat den Frauen eine Menge Vorteile
gebracht», räumt die streitbare BSD-Chefin ein. «Aber
auch im liberalen Berlin versuchen Beamte, das Gewerbe möglichst
an den Rand zu drängen.» Gut eignen sich dafür Baugesetze
und Gewerbeordnung. Weist etwa ein Wohngebiet «Prostitution»
nicht als anzusiedelndes Gewerbe aus, darf keine Frau in einer Wohnung
Freier empfangen. Da die Ansiedlung von Prostitution aber nirgendwo
vorgesehen wird, arbeiten die Frauen de facto illegal.
Stephanie Klee
ist als BSD-Vorsitzende angetreten, das älteste Gewerbe der
Welt wieder zu einem angesehenen zu machen. «Das geht nur
mit Qualifikation», sagt sie. Einen ersten Schritt ist der
BSD schon gegangen: Erstmals gibt es seit einiger Zeit ein «Rechtliches
ABC der Prostitution». Die witzige kleine Broschüre,
die von Strafrecht bis Steuerrecht alles enthält, was Prostituierte
und Bordellbetreiber wissen müssen, ist immerhin vom Bundesfamilienministerium
finanziell gefördert worden.
Der
BSD-Chefin reicht das bei weitem nicht: «Eine ordentliche
Ausbildung für Huren und eine normale Anmeldung beim Gewerbeamt
wären Riesenschritte», träumt die zierliche Frau.
Einen Markt gäbe es: Nach Schätzungen der Bundesregierung
arbeiten in Deutschland etwa 400 000 Frauen in der Prostitution.
Ihre Dienste nehmen täglich bis zu 1,2 Millionen Männer
in Anspruch. Der Umsatz im Wirtschaftssektor wird nach Angaben der
Gewerkschaft ver.di auf 14,5 Milliarden Euro jährlich geschätzt.
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