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Mittwoch 06. Oktober 2004
Im besonderen Einsatz

Mehrere Thüringer Polizeibeamte sind vom Dienst suspendiert, weil sie sich zu eng mit jenen eingelassen haben sollen, die sie eigentlich zu überwachen haben: Bordellbesitzer, Zuhälter und Prostituierte. Gestern begann der Prozess gegen den ersten Beamten.

Die Sonne scheint noch an jenem Freitagabend im Frühsommer, als mehrere Autos in eine kleine Teerstraße in den Stadtwald von Gera einbiegen. In einem sitzt Claus F., Leiter des Dezernats 3 bei der städtischen Polizeidirektion. Zu diesem Dezernat gehört auch das Kommissariat 31, zuständig für die "OK", die Organisierte Kriminalität. Dort werden auch VP, Vertrauenspersonen aus der Szene, geführt.

Im zweiten Auto befindet sich Frank L., er ist nach seinem Dienstschluss im Innenministerium hierher gefahren. Einst, bevor sein steiler Aufstieg in Erfurt begann, leitete er das Kommissariat 31.

Im dritten Auto sitzt Sven K., er betreibt in Gera, in der "Villa Imperial", ein Bordell. Und, er ist einer der Vertrauenspersonen der Polizei.

Mitten im Wald steigen die Männer aus ihren Autos. Man unterhält sich eine Weile. Dann fährt jeder für sich davon.

Das war im Juni 2002. Dass man sich damals begegnete, wird von allen Beteiligten bestätigt. Doch für das, was danach passierte, gibt es zwei völlig unterschiedliche Versionen.

Der Bordellbesitzer behauptet, er habe die Beamten auf einen Strafprozess gegen ihn angesprochen und sie dabei nebenbei darauf aufmerksam gemacht, dass seine Angestellten von polizeilichen Privatgästen berichten könnten. Claus F. antwortete angeblich, dass man dann seine "Bude dicht machen" werde. Frank L. soll gesagt haben, er müsse die Prostituierten "darauf einschwören", ja nichts zu erzählen.

Gestern, im Raum 201 des Amtsgerichtes Gera, sagen es die beiden Beamten ganz anders. Claus F., fast 57 und suspendiert, ist angeklagt der Nötigung und der versuchten Anstiftung der Falschaussage.

Frank L., 48, ist als Zeuge geladen. Auch er verrichtet seit längerem keinen Dienst mehr in der ministeriellen Polizeiabteilung. Er gilt als das Zentrum jener Affäre, die den Beinamen Rotlicht bekommen hat und die in den zwei Jahren ihrer Existenz alle möglichen Geschichten produzierte. Von Menschenhandel war die Rede, von Warnungen der Bordelle vor Razzien, von Sexorgien mit Beamten.

Die meisten dieser Geschichten stammen aus jener Zeit, als L. das Kommissariat Organisierte Kriminalität leitete. Einige von ihnen, aber nicht die vom Menschenhandel, finden sich in den neun Anklagepunkten wieder, die noch vor dem Landgericht Erfurt gegen L. verhandelt werden müssen.

Doch erst einmal geht es um Claus F. und jenen Juniabend. Der Angeklagte und der Zeuge sind sich einigermaßen einig. Man habe sich getroffen, um zu besprechen, wer künftig den Bordellbetreiber als Vertrauensperson führen soll. Außerdem habe Sven K. mitgeteilt, dass der Prozess gegen ihn erledigt sei. Er habe sich mit der Staatsanwaltschaft geeinigt.

L. gibt sich Mühe, den Bordellbetreiber als Lügner hinzustellen. Der behaupte doch mal dies und jenes, sagt er.

Doch dann, ein paar Fragen hin, ein paar Antworten her, bringt der Amtsrichter die Rede auf eine Nacht im Dezember 1997. Frank L. gibt zu, dass er als Kommissariatsleiter damals mit Kollegen feierte, als angeblich ein Informant, eine Vertrauensperson, auf dem Handy anrief. Er wolle sich mit ihm treffen - in der "Villa Imperial".

L. machte sich auf den Weg, nicht ohne einige angeheiterte Kollegen mitzunehmen, "als Legende", wie er sagt, "um nicht aufzufallen" - wobei, vielleicht, "einige nicht gewusst" hätten, dass man plötzlich dienstlich unterwegs war. Jedenfalls, man habe dort nur ein Bier getrunken, und keiner der Beamten habe mit einer Prostituierten etwas angefangen. Alle seien nahe der Bar geblieben.

Der Richter liest vor, was der Bordellbesitzer den Ermittlern sagte: L. habe ihn angerufen, um ihm mitzuteilen, dass man eine Weihnachtsfeier bei ihm fortsetzen wolle und dass alle - K. hat es direkter formuliert - sämtliche Dienstleistungen des Hauses nutzen wollen.

Alles Unsinn, sagt L. Zumal, das Ganze sei "keine Ausnahmesituation" gewesen, bei Ermittlungen in diesem Milieu, im besonderen Einsatz, gehörten halt derartige Methoden dazu.

Dann, der nächste Zeuge. Er war damals Polizist und dabei bei jener Feier im Bordell. Betrunken sei er gewesen, sagt er, und von einem Einsatz habe er auch nichts bemerkt. Und ja, er sei mit einer Frau auf das Zimmer gegangen, und als er, am frühen Morgen wohl, wieder hinunter ging, habe er im Treppenhaus einige Kollegen getroffen, darunter auch den Bruder von Frank L. Überhaupt sei ihm irgendwie so, als habe er auch den Nachbar des Kommissariatsleiters dort gesehen.

Es scheint viel Seltsames geschehen zu sein, damals in Gera. Doch war es auch strafbar? Und vor allem: Lässt es sich beweisen? Im Streit um die Zahlung ihres vollen Gehaltes - derzeit bekommen sie 75 Prozent - haben die Polizisten bereits in der ersten Verwaltungsgerichts-Instanz gewonnen. Und in dem Geraer Prozess stehen die Aussagen zweier Beamter gegen die eines Bordellbesitzers.

Sven K., als Zeuge geladen, zog es gestern vor, nicht zu erscheinen. Er soll Ende Oktober, wenn die Verhandlung fortgesetzt wird, unter Zwang vorgeführt werden.

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