Freitag
6. August 2004, 07:30 Uhr
Sexsteuer und «ruhender Verkehr»
- Kölner Prostituierte sind sauer auf die Verwaltung der Domstadt
Köln (ddp-nrw).
Das hat den Kölner Prostituierten gerade noch gefehlt: Neben
dem obligatorischen Gesundheits-Check brauchen die Damen jetzt auch
in Modefragen den Segen des Ordnungsamts. Auf der sündigen
Meile der Domstadt schlagen die Wogen der Empörung hoch.
Dabei geht es
um ein Ritual, das allen Beteiligten nur zu vertraut ist. Am Rand
der dichtbefahrenen Straßen im Kölner Grüngürtel
halten die Frauen Ausschau nach zahlungskräftigen Gönnern
- und genau das passt dem Ordnungsamt nicht. Die Streifen der Behörde
ermahnen die Prostituierten immer wieder: Ihr «verkaufsfördernd»
verführerisches Outfit lenke Autofahrer vom Verkehr ab - zumindest
von dem auf der Straße.
Die Schönen
der Nacht wissen genau: Eigentlich ist das gesamte Stadtgebiet Sperrzone.
Ambulante sexuelle Dienstleistungen in zweckentfremdeten Campingbussen
sind allenfalls geduldet. Und wenn die Städtischen Ordnungshüter
gerade vor Ort sind, werden auch überfällige TÜV-Plaketten
und abgefahrene Reifen der Liebes-Limousinen reklamiert. Für
die Prostituierten ein klarer Fall von Schikane.
«Einen
Zuhälter habe ich nicht, aber dafür zockt mich die Stadt
ab», ärgert sich Mandy, die beim Einbruch der Dämmerung
nahe dem Autobahnzubringer im Kölner Süden flaniert. Dabei
sollte die Stadt Köln ein ureigenes Interesse daran haben,
dass der Rubel unter dem Rotlicht rollt. Immerhin erhebt sie seit
Januar die vieldiskutierte «Sexsteuer» bei den Gunstgewerblerinnen.
Pro Monat und Prostituierte sind 150 Euro für die Stadt fällig.
Eine empfindliche Abgabe für die Frauen, die ihre Dienste für
durchschnittlich 30 Euro anbieten.
Die schwarz-grüne
Stadtrats-Koalition hatte die im vergangenen Winter beschlossene
«Sexsteuer» als Geniestreich gefeiert. Bis zu 700 000
Euro sollte sie in die chronisch klamme Kölner Stadtkasse spülen.
Doch kaum war die deutschlandweit einmalige Abgabe beschlossen,
erwies sie sich als Desaster für das saubere Image der Kölschen.
Aus aller Welt wurde die städtische Pressestelle mit Anfragen
zur Sexsteuer eingedeckt. «Ein Alptraum. Wir wussten gar nicht,
wo das alles herkam», erinnert sich eine Mitarbeiterin des
Presseamtes, die nur «ungern» auf das Thema angesprochen
werden will.
Zu allem Überfluss
ist die Steuermoral bei den Schönen der Nacht nicht allzu ausgeprägt:
«Wozu auch? Wir dürfen zahlen, aber die Stadt tut nichts
für uns», mault Vanessa, die sich «sozusagen als
Ich-AG» versteht. Die schlechte Wirtschaftslage macht den
Gunstgewerblerinnen zusätzlich zu schaffen. Mancher Freier
überlegt genau, ob er sein knappes Geld tatsächlich in
eine Viertelstunde trautes Miteinander oder nicht doch lieber anderweitig
investiert.
Die Frauen fühlen
sich ausgegrenzt. Nicht wenige vermuten, dass sie an den Stadtrand
verdrängt werden sollen, dort, wo der legale Straßenstrich
angesiedelt ist. In den ersten deutschen «Verrichtungsboxen»
können Freier und Unternehmerin zueinander finden - gewissermaßen
unter behördlicher Aufsicht.
Doch
das von überwiegend drogenabhängigen Frauen frequentierte
Areal ist nicht jedermanns Sache. «Da sind die Preise kaputt
und die Umgebung das Allerletzte», findet jedenfalls Vanessa.
Sie zieht es vor, den Patrouillen des Ordnungsamtes aus dem Weg
zu gehen: «Die Jungs erkennt man schon von weitem.»
Dann verwandelt sich Vanessa von der Verführerin zur Joggerin
und verschwindet Richtung Unterholz.
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