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Mittwoch 1. Dezember 2004, 10:46 Uhr
Russland verschließt vor der Aids-Epidemie immer noch die Augen

Moskau (dpa) - Kraftstrotzend steht Superman auf der Titelseite von «Schritte», der russischen Zeitschrift für HIV-Infizierte. Das große «S» auf der Brust hat er gegen die rote Schleife ausgetauscht und sich in Russland einen neuen Gegner gesucht: Aids.

Russland weist wie die Ukraine derzeit eine der höchsten Raten von Neuansteckungen weltweit auf. Zwar sprechen die russischen Behörden offiziell von knapp 300 000 HIV-Infizierten, die UN-Organisation UNAIDS ging aber bereits Ende 2003 von 860 000 Infizierten aus. Nachdem sich das Virus zunächst vor allem unter Drogenabhängigen ausgebreitet hat, steigt nun die Zahl der Neuinfizierten durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr.

Der Anstieg trifft vor allem die Frauen. 2001 lag ihr Anteil bei 24 Prozent der Infizierten, ein Jahr später bei 36. Allein im ersten Halbjahr 2004 sei die Rate auf 43,3 Prozent geklettert, warnt UNAIDS. Der Weltaidstag am 1. Dezember stellt daher in diesem Jahr das Schicksal der Frauen in den Mittelpunkt.

Aufklärung tut Not. Doch Kampagnen dürfen in Russland nicht zu freizügig sein. «Wie soll man vernünftig aufklären, wenn wir immer noch von Bienchen und Blümchen reden müssen?», fragt Wladimir Mogilny von Infoswjas, einer der ältesten russischen Organisationen im Kampf gegen Aids. Bei ihrem Sorgentelefon rufen immer noch täglich Menschen an, die gerade erst erfahren haben, dass es eine Krankheit namens Aids gibt. Jetzt haben sie Angst, sich angesteckt zu haben.

Nur 30 Prozent der Russen benutzen regelmäßig Kondome, haben Umfragen ergeben. «Vertrauen heißt in Russland immer noch, dass im Bett darüber nicht gesprochen wird», sagt Viktoria Kaskowa von der Aids-Stiftung Ost-West. Wenn der Partner infiziert sei, werde er schon selbst auf «Safer Sex» bestehen, lautet die Annahme.

Wer HIV-positiv ist, macht sich Sorgen um die richtige Therapie. Nur etwa vier Prozent bekommen eine adäquate medizinische Behandlung, schätzt UNAIDS. Vor allem in der Provinz sei die Situation katastrophal. Grund seien vor allem die hohen Kosten. Zudem wüssten Ärzte oft zu wenig über die Krankheit und würden Medikamente je nach Verfügbarkeit wechseln, kritisiert Mogilny.

HIV ist in Russland immer noch stark stigmatisiert. Umfragen zufolge glaubt mehr als die Hälfte der Russen, dass HIV-Positive wahrscheinlich Prostituierte, drogenabhängig oder schwul sind. Dass sich jeder anstecken kann, wissen nur zehn Prozent. Dabei hat das Virus längst die Mitte der Gesellschaft erreicht.

Die Weltbank rechnet mit 5 bis 14 Millionen HIV-Infizierten in Russland im Jahr 2015. Das wären bis zu zehn Prozent der Bevölkerung. «Es gibt immer noch die Chance, die Katastrophe abzuwenden», sagt Bertil Lindblad, Vertreter von UNAIDS in Russland. Doch dafür müsse sich die Politik endlich richtig im Kampf gegen Aids engagieren. Vier Mal hat Präsident Wladimir Putin in diesem Jahr zur Gesundheitspolitik gesprochen. Das Thema Aids hat er erst gar nicht erwähnt.

Engagement seitens der Regierung im Kampf gegen Aids bedeutet vor allem Geld. «Wenn der Staat jetzt nicht investiert, kann er einfach nicht rechnen», sagt Mikko Vienonen, Vertreter der Weltgesundheitsorganisation WHO in Russland. Bereits für 2010 rechnet die Weltbank damit, dass die Epidemie das russische Wirtschaftswachstum um ein bis dreizehn Prozent bremsen wird. Denn mehr als 80 Prozent aller russischen HIV-Infizierten sind unter 30, in Westeuropa liegt ihr Anteil bei 30 Prozent. Gerade die junge Generation wird der russischen Wirtschaft in Zukunft fehlen.

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