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Dienstag
18. November 2003, 16:25 Uhr
Kaum Interesse für modernen Sklavenhandel
Frankfurt/Main
(AP) Sie kommen aus Russland, Litauen, Bulgarien, Thailand oder
von den Philippinen - und sie bringen ihren skrupellosen «Händlern»
teilweise mehr Gewinn ein als der Drogen- oder Waffenhandel. Frauen,
die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Deutschland «importiert»
und dort zur Prostitution gezwungen werden, werden von der Öffentlichkeit
nur am Rande wahrgenommen. Wie im Fall Friedman bedienen sich Männer
ihrer Dienste, ohne sich dafür zu interessieren, dass sie modernen
Sklavenhandel unterstützen.
Genaue Zahlen
über das Ausmaß des Frauenhandels gibt es nicht. Die
Internationale Organisation für Migration (IOM) in Genf nimmt
an, dass in Europa jährlich 500.000 Frauen zwischen 18 und
25 Jahren zur Prostitution gezwungen werden. Für Deutschland
führt das Bundeskriminalamt (BKA) in seinem «Lagebild
Menschenhandel» für das Jahr 2002 289 Ermittlungsverfahren
mit insgesamt 811 Opfern auf. Dies sind aber nur die Fälle,
die der Polizei durch Razzien bekannt wurden - in der Realität
werden weitaus mehr ausländische Frauen in Deutschland zur
Prostitution gezwungen.
Während
früher der Großteil der Frauen aus Asien kam, öffnete
der Fall des Eisernen Vorhangs den Menschenhändlern Mittel-
und Osteuropa. Im vergangenen Jahr kamen 87 Prozent der bekannten
Frauen von dort, das Hauptherkunftsland ist dabei seit mehreren
Jahren Litauen: Nach BKA-Angaben wurden dort statistisch gesehen
24,3 von 100.000 Frauen zwischen 15 und 30 Jahren allein in Deutschland
Opfer von Menschenhandel. Zurzeit führt das BKA deshalb ein
Projekt mit litauischen Polizeibeamten durch.
Von ihrem Schicksal
in Deutschland haben die Frauen keine Vorstellung. Teilweise glauben
sie an eine Zukunft als Bedienung oder Kindermädchen, aber
auch wenn sie wissen, dass sie in der Sexindustrie arbeiten sollen,
werden sie über Arbeitsbedingungen, Verdienstmöglichkeiten
und Sexualpraktiken getäuscht. «Außerdem ist die
Situation in vielen Ländern so schlimm, dass sich die Frauen
der Illusion hingeben, ihnen werde schon nichts passieren»,
berichtet Juliane von Krause von der Frauen-Hilfsorganisation «Terre
des Femmes».
Nach BKA-Angaben
reisten im vergangenen Jahr in 60 Prozent der bekannten Fälle
die Frauen legal nach Deutschland ein. Teilweise kommen sie legal
mittels Heiratshandel nach Deutschland, landen aber dann im Bordell,
teilweise reisen sie aber auch als Touristinnen mit einem Drei-Monats-Visum
ein. Während das Visum gilt, verstoßen sie bereits gegen
ausländerrechtliche Bestimmungen, da sie als Touristinnen nicht
arbeiten dürfen. Nach Ablauf des Visums befinden sie sich schließlich
illegal in Deutschland.
Leben müssen
die Frauen dann unter unmenschlichen Bedingungen. Ihnen werden nach
der Einreise Pässe und Geld weggenommen, teilweise werden sie
eingesperrt. «Das ist eine Art Schuldknechtschaft, die Frauen
müssen den Betrag abarbeiten, den die Händler angeblich
für sie ausgelegt haben, damit werden sie dann erpresst»,
erklärt von Krause. Eigenes Befreien aus dieser Situation ist
sehr schwierig, da die Frauen nicht nur illegal sind, sondern die
Täter sie auch massiv physisch und psychisch bedrohen und damit
drohen, ihren Familien etwas anzutun. «Außerdem wird
ihnen vermittelt, sie hätten keine Chance auf Hilfe»,
berichtet Malin Schmidt-Hajazi von der Berliner Senatsverwaltung
Frauen.
Fliegt der Menschenhandel
schließlich auf, droht den Frauen die Abschiebung. Inzwischen
sei dieser Punkt durch die verstärkte Zusammenarbeit von Behörden
und Hilfsorganisationen verbessert worden, berichte Schmidt-Hajazi:
Die Frauen bekommen Zeit, darüber nachzudenken, ob sie aussagen
wollen, wenn nicht, bekommen sie eine Frist bis zu einer freiwilligen
Ausreise. «Das ist schon ein großer Schritt, dass das
bundesweit verankert wurde», sagt Schmidt-Hajazi.
Entscheidet
sich die Frau für eine Zeugenaussage, wird sie weiter in Deutschland
geduldet, darf aber während dieser Zeit de facto kaum arbeiten
und bekommt nur abgesenkte Leistungen für Asylbewerber. Ihr
Schicksal nach dem Prozess wird dann im Einzelfall entschieden:
Entweder sie bekommt eine Aufenthaltsbefugnis oder sie wird spätestens
jetzt abgeschoben. Inzwischen läuft die Zusammenarbeit zwischen
Polizei und Hilfsorganisationen recht gut, loben beide Seiten. «Insgesamt
ist die Situation immer noch frustrierend, aber im Vergleich zu
den 90er Jahren haben wir schon Fortschritte bei der Betreuung der
Frauen gemacht - aber nicht beim Phänomen des Frauenhandels»,
bilanziert Schmidt-Hajazi.
zurck
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