Dienstag
18. November 2003, 13:16 Uhr
Prozess wegen schweren Menschenhandels in Berlin
begonnen
Berlin (AP) Mehrere Monate nach der Affäre um den TV-Moderator
Michel Friedman hat am Dienstag vor dem Landgericht Berlin ein Prozess
gegen Menschenhandel und Zuhälterei in großem Stil begonnen.
Drei Hauptangeklagte, ein Ukrainer und zwei Polen, sollen mindestens
15 Frauen aus ihrer Heimat nach Deutschland geschleust, zwei Callgirl-Ringe
betrieben und Pässe gefälscht haben. Dem 33-jährigen
Ukrainer wird auch Vergewaltigung einer der Frauen vorgeworfen.
Alle Angeklagten verweigerten zunächst die Aussage.
Bei den Ermittlungen der Polizei waren angebliche Kontakte Friedmans
zu den Prostituierten in einem Berliner Hotel und zur Drogenszene
bekannt geworden. Einen Strafbefehl wegen Kokainbesitzes hat Friedman
akzeptiert. Im Prozess wird er nicht als Zeuge gehört.
Vier der osteuropäischen Frauen treten als Nebenklägerinnen
auf. Eine der Anwältinnen, Silke Studzinsky, sagte, Freier
von Prostituierten hätten eine moralische Mitverantwortung.
«Wenn die Frauen fast kein Deutsch sprechen, kann man davon
ausgehen, dass sie auch keine Arbeitserlaubnis haben», erklärte
Studzinsky.
Die Anklage lautet auf schweren Menschenhandel, Zuhälterei,
gewerbsmäßiges Einschleusen von Ausländern und weitere
Delikte. Die Frauen, die sie zu Prostituierten machten - unter ihnen
auch eine 17-Jährige -, wurden zumeist über die Oder von
Polen nach Deutschland geschleust. Sie mussten für 25 Euro
pro Stunde arbeiten, das meiste Geld an die Zuhälter abtreten
und «Schulden» bis zu 3.000 Euro für gefälschte
Pässe abarbeiten.
Das Geschäft war laut Anklage gut organisiert: Fahrer brachten
die Frauen in Berlin zu den Freiern und holten sie auch wieder ab.
Per Handy wurden die Prostituierten von den Zuhältern überwacht.
Sie mussten, so die Staatsanwaltschaft, 24 Stunden am Tag zur Verfügung
stehen und durften keinen Freier ablehnen. In einer Berliner Zeitung
boten Angeklagte Ukrainerinnen an. Interessenten konnten mehrere
Handy-Nummern anrufen.
Die Verteidiger der Angeklagten verlangten am Dienstag Einsicht
in eine Liste aus den Akten, auf der mehr als 3.800 Gesprächsteilnehmer
verzeichnet sein sollen. Auch Friedman soll angeblich telefonisch
Prostituierte des Callgirl-Rings bestellt haben. Die Ermittler hatten
zahlreiche Telefongespräche abgehört und waren der Bande
so auf die Spur bekommen. Die drei Hauptangeklagten wurden im April
2003 verhaftet und sitzen seitdem in Untersuchungshaft.
Der mutmaßliche Hauptdrahtzieher, ein 33 Jahre alter Schweißer
aus der Ukraine, war laut Anklage eine Scheinehe in Deutschland
eingegangen, um sein Geschäft mit Prostituierten aufziehen
zu können. Vor Gericht stehen außerdem ein 23 Jahre alter
Maschinenmeister und ein 25 Jahre alter Elektriker, beide aus Polen.
Außerdem ist eine 26-jährige Polin wegen Beihilfe zur
Erpressung angeklagt.
Nivedita Prasad von der Berliner Koordinations- und Beratungsstelle
gegen Menschenhandel «Ban Ying» sagte am Dienstag, es
gebe Prozesse mit noch schlimmeren Anklagevorwürfen, die von
der Öffentlichkeit aber ignoriert würden. «Das Interesse
an dem Verfahren hängt nur mit Friedman zusammen», beklagte
sie. Vor dem Landgericht Berlin sind bis zum 20. Januar 14 Verhandlungstage
angesetzt. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.
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